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Les Milles

Region Provence-Alpes-Cote d'Azur, Departement Bouches-du-Rhône

Der Ort
Südlicher Stadtteil von Aix-en-Provence. Anfahrt von Aix (Rotonde): Bus Nr. 4, 14, 18; von Marseille: A 51 sortie/Ausfahrt 5 →Milles village, Schild →mairie annexe folgen, dann Schild →Mémorial.

Internierungslager 1939–1942
Ab September 1939 wurden in dem Lager in der Ziegelei über 10.000 Menschen interniert: „unerwünschte“ Ausländer, darunter viele antinazistische Flüchtlinge und Künstler, Spanienkämpfer, in den Razzien der Südzone festgenommene Juden, Oppositionelle. 1942 wurde das Lager zum Deportationszentrum, Fast 2.000 Juden über Drancy in des Vernichtungslager Auschwitz deportiert, s.u.

Ziegeleigebäude Gedenktafel Deportations-Güterwagen Gedenkstein für die deportierten Juden

Gedenken
Das Lager ist noch fast vollständig erhalten. Am 10.9.2012 wurde die Gedenk- und Bildungsstätte „Site-Mémorial du Camp des Milles“ mit einem breiten historischen und kulturellen Angebot eröffnet: 40, Chemin de la Badesse, Aix-en-Provence; E-Mail: amcm@campdesmilles.org; Internet: www.campdesmilles.org. Außerdem erinnern ein Güterwagen und ein Gedenkstein am Chemin des Déportés an das Lager und die Deportierten.

Literatur/Medien
Feuchtwanger, Lion: Der Teufel in Frankreich – Erlebnisse. Tagebuch 1940, Frankfurt 1986
Obschernitzki, Doris: Letzte Hoffnung – Ausreise, Berlin 1999
www.taz.de/!101622/
www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-memorial-national-des-milles

Chaotisches Lager
Das Lager in der Ziegelei war beispielhaft für die Vichy-Politik: Ausschließung, Internierung, Deportation. Nach dem Angriff auf Frankreich wollte der (frz.) Lagerkommandant etwa 2.000 Internierte über Bayonne ins Ausland bringen lassen. Der „Geisterzug“ musste jedoch zurückkehren. Die meisten landeten wieder in Les Milles oder in Gurs.

„In einem Ziegelbau waren wir untergebracht, und die Ziegel waren das Merkmal dieser Zeit. Ziegelmauern, durch Stacheldraht gesichert, schlossen unsere Höfe von der schönen, grünen Landschaft nach draußen ab, zerbröckelnde Ziegel waren überall gestapelt, sie dienten uns als Sitze und Tische, auch dazu, das Strohlager des einen von dem des andern abzutrennen. Ziegelstaub füllte unsere Lungen, entzündete unsere Augen.… Wir mussten die Ziegel herumtragen, bald stapelten wir sie hier, bald dort. In Schubkarren fuhren wir sie herum und dann, unter dem Kommando eines Sergeanten, warfen wir sie von Hand zu Hand und schichteten sie in bestimmter Ordnung. Die Arbeit war nicht eben schwer. Das Ärgerliche, Empörende daran war ihre vollkommene Sinnlosigkeit; denn sie war uns nicht aufgetragen zu einem vernünftigen Zweck, man wollte uns lediglich beschäftigen. Wir wussten, wir würden morgen oder übermorgen oder spätestens am dritten Tag die schon errichteten Ziegelstapel wieder zerstören und anderswo neu aufbauen müssen.“
(aus: Lion Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich, Frankfurt 1986 (Fischer-Taschenbuch), S. 9/10).

Transitlager, Deportationen
Im Rahmen des Polizeiabkommens Oberg (SS) – Bousquet (Vichy-Polizei) und der Kollaboration bei der Judenverfolgung hatte Vichy die Übergabe von 11.000 ausländischen Juden versprochen. Nach den Razzien in der Südzone im Juli und August 1942 wurden die jüdischen Menschen in Lagern eingesperrt und in mehreren Wellen den Deutschen übergeben.
Die Lager wie Les Milles veränderten ihren Charakter: von einem Internierungslager zu einem Transit- und Deportationslager. In Les Milles zählte der Chef der Judenabteilung der Gestapo, Dannecker, am 15. Juli 1942 etwa 1.200 Juden, die man deportieren könne. Am 11. August verließ der erste Transport das Lager über Drancy in Richtung KZ Auschwitz. Weitere folgten, bis zum September 1942 waren es 1.928 deportierte Männer, Frauen und Kinder.

Wandmalereien
Unter den Internierten befanden sich viele Künstler, z.B. Max Ernst. Wahrscheinlich Karl Bodek, Franz Meyer und/oder Max Lingner realisierten im Speisesaal der Wachmannschaft Wandmalereien zum Thema Essen und Trinken. Sie wurden vor dem Abriss gerettet und restauriert (vgl. einzelne Bilder hier ; Beschreibung hier).