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Ghetto-Widerstand

Yitzak WitenbergVor allem junge Jüdinnen und Juden haben den bewaffneten Widerstand vorbereitet und geleistet. Erste Nachrichten von den Massenexekutionen in Paneriai stießen im Ghetto wegen ihrer Ungeheuerlichkeit zunächst auf Unglauben. Nachdem jedoch alle Zweifel beseitigt waren, schlossen sich im Januar 1942 Aktivisten der zionistischen, bundistischen und kommunistischen Jugend zur Widerstandsorganisation FPO (Fareynegte Partizaner Organizatsye) unter Führung von Yitzak Witenberg zusammen. Der von Abba Kovner für die FPO verfasste Aufruf zum Widerstand verbreitete sich durch Boten auch in anderen Ghettos des deutschen Besatzungsgebiets wie ein Fanal: „Lassen wir uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen!“ Vorausgegangen war – nach der Ermordung von über 30.000 Juden in Vilnius und Umgebung innerhalb von nur sechs Monaten – die Entscheidung, dem kollektiven Vernichtungsplan der Deutschen und deren litauischen Helfern den bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen, und zwar als Bündnis, das von Kommunisten bis zu religiösen Zionisten reichte. Die FPO wurde militärisch organisiert.

   

Josef GlazmanAbba Kovner

Kommandant war Witenberg, seine Stellvertreter waren Abba Kovner und Josef Glazman. Die Mitglieder formierten sich in kleinen Gruppen, die zu Zügen bis hin zu zwei Bataillonen, angeführt von Kovner und Glazman, zusammengefasst waren. Dazu gab es Spezialeinheiten wie z.B. Information, Waffenbeschaffung und -training, Wegführung. Die FPO hatte eine Gesamtstärke von 250 bis 300 Männer und Frauen. Daneben gründete sich unter der Leitung von Yechiel Sheinbaum eine „Zweite Kampfgruppe“, die ab Sommer 1943 als eigenständige Gruppe mit der FPO zusammenarbeitete. Ihr gehörten ca. 200 Mitglieder an. Die Ziele der beiden Gruppierungen unterschieden sich insofern, als die „Zweite Kampfgruppe“ von vornherein die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes im Ghetto für aussichtslos hielt und sich darauf vorbereitete, in die Wälder zu gehen und von dort aus gegen die Deutschen zu kämpfen.

 

Der Widerstand fand auf mehreren Ebenen statt: während Rozka Korczak, Abraham Sutzkever, Shermke Kaczerginski und ca. 40 andere als „Papierbrigade“ versuchten, soviel Manuskripte, Bücher und Kultgegenstände aus dem YIVO vor dem Zugriff des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR) zu retten, gelang im Juni 1942 einer FPO-Gruppe unter Führung von Vitka Kempner ein erster Sabotageakt: die Sprengung einer Eisenbahnstrecke und ein daraufhin entgleister Wehrmachtszug, der Waffen an die Ostfront transportierte.

Rozka Korczak Abraham Sutzkever Shmerke Kaczerginsi Vitka Kempner Sonia Madeysker Yechiel Sheinbaum Chiena  Borowska

Neben der Bereitschaft zum bewaffneten Widerstand entwickelte sich ein kulturelles und spirituelles Netzwerk als wichtiger Bestandteil jüdischer Selbstbehauptung im Ghetto. Künstler, Schriftsteller, Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte und Musiker leisteten einen großen Beitrag zum kulturellen Widerstand, indem sie mit Projekten für Erwachsene, Jugendliche und Kinder das Bewusstsein jüdischer Identität lebendig hielten. Pädagogen gründeten religiöse und säkulare Schulen, Ärzte bauten ein Basissystem der Gesundheitsversorgung auf, in drei Synagogen fanden Gottesdienste statt. Unter Anleitung von Künstlern, Intellektuellen, Schriftstellern und Wissenschaftlern entstanden eine große Leihbibliothek, die von Herman Kruk geleitet wurde, eine Theatergruppe, geleitet von Israel Segal, eine Musikschule, wissenschaftliche Vereinigungen und vielfältige andere Gruppen, die Ausstellungen, Konzerte und literarische Veranstaltungen organisierten. Schauspieler, Schriftsteller und Künstler bauten diese Gegenkultur auf, die zum Rückhalt eigener Würde inmitten von Demütigung und Hoffnungslosigkeit wurde.

Die Planung der FPO, am bewaffneten Kampf im Ghetto festzuhalten, wurde nach einem neuen Massaker in Paneriai an Juden aus den kleinen Ghettos der Region Anfang April 1943 und nach dem Bekanntwerden des gescheiterten Ghetto-Aufstands in Warschau zunehmend unrealistisch. Der Judenrat-Vorsitzende, Jakob Gens, mobilisierte die Stimmung im Ghetto gegen die FPO, indem er wiederholt vor dem Risiko des bewaffneten Widerstand warnte, der unweigerlich die Vernichtung des gesamten Ghettos durch die Deutschen zur Folge hätte. Die Krise der FPO spitzte sich zu, als sie Mitte Juli 1943 ihren Anführer Yitzak Witenberg durch Erpressung und Verrat verloren hatte. „Das Ziel der FPO, an der Spitze der Ghettobevölkerung zu kämpfen, erschien nach dem ‚Witenberg-Tag‘ als ein nicht einlösbarer Traum“ (Dieckmann 2011). Die FPO änderte deshalb ihre Planung und konzentrierte sich nun verstärkt auf den Partisanenkampf und die Vorbereitung von Partisanenbasen in den Wäldern, ohne jedoch die Idee des Ghettoaufstands aufzugeben. Josef Glazmans Gruppe war eine der ersten, die das Ghetto verließ und sich zu den sowjetischen Partisanen in die Narocz Wälder durchschlug. Andere Gruppen folgten ihm oder wurden etwas später in die Rudniki Wälder geschleust.

Ruine Strashunstraße 12In den Wochen vor der Liquidierung des Ghettos setzten Massendeportationen in Arbeitslager nach Estland ein. Am Morgen des 1. September drangen deutsche, litauische und estnische Truppen in das Ghetto ein und veranstalteten Hetzjagden, um Menschen für die Deportation zusammenzutreiben. Die FPO-Führung vermutete den Beginn der Zerstörung des Ghettos und mobilisierte mit ihrer Kampfparole „Liza ruft!“ ihre Mitglieder. Ein erstes, unzureichend bewaffnetes Bataillon wurde in der Spitalgasse von den Deutschen aufgerieben, die "Zweite Kampfgruppe" um Yechiel Sheinbaum verbarrikatierte sich in der Strashunstraße 12 und lieferte sich ein Gefecht mit den Deutschen, in dem Sheinbaum getötet wurde, Rozka Korczak übernahm das Kommando und konnte sich bevor das Haus gesprengt wurde, mit den überlebenden Kämpfern zurückziehen. Sie schlossen sich dem FPO- Kommandostab im Kulturhaus des Ghettos an. Der FPO-Aufruf an die Ghetto-Bevölkerung, Widerstand zu leisten, blieb weitgehend wirkungslos. Viele hegten die Hoffnung auf ein Weiterleben in Arbeitslagern in Estland oder hofften, in ihren Verstecken zu überleben. Die FPO konnte nicht verhindern, dass allein in den folgenden Tagen 1.500 Männer und 2.200 Frauen aus dem Ghetto nach Estland verschleppt wurden, zusammengetrieben von jüdischen Polizisten und jüdischen Hilfstruppen. Etwa 11.000 verblieben noch im Ghetto.

 

Kanalisation AusstiegFlucht-Plan von Kaplinski

Shmuel Kaplinski Am 23./24. September wurde das Ghetto von Vilnius zerstört, tausende nach Estland und Lettland in die Lager deportiert, tausende nach Paneriai in die Vernichtung. Als letzter Gruppe gelang ca. 90 FPO-Kämpfern, unter ihnen Abba Kovner und Shmuel Kaplinski, die Flucht aus dem abgeriegelten Ghetto durch die Abwasserkanäle zu den Partisanen in die Rudniki Wälder. Vier von ihnen – der FPO-Kommando-Stab Abraham Chwojnik, Asia Big, Jacob Kaplan und Grischa Levin – wurden gefasst und auf dem Rossa-Platz vor den Augen der dort zur Deportation zusammengetrieben Ghettobevölkerung gehängt.

 

 

Im Gebiet um Vilnius waren im Herbst 1943 innerhalb der sowjetisch geführten Partisanen unter den Kommandanten Markow und Zimanas (Yurgis) eine Reihe jüdischer Kampfgruppen entstanden, unter ihnen die Brigaden Vilna, Trakai und Kovno. Die Zahl der zu den Partisanen Geflüchteten stieg stetig, bis Dezember 1943 gab es insgesamt 12 Partisanen-Einheiten mit ca. 650 Mitgliedern, davon die Hälfte bewaffnet. In der Vilnius-Brigade kämpften 400 Mitglieder, die meisten von ihnen waren Teenager und junge Erwachsene. Die Brigade hatte vier Unterabteilungen: "Die Rächer" unter dem Kommando von Abba Kovner, "Sieg" unter Shmuel Kaplinksy, "Tod dem Faschismus" unter Yaakov Prenner und "Kampf" unter Aron Aronovich. Die jüdischen Einheiten zeichneten sich durch einen ungewöhnlich hohen Anteil von Frauen aus, die sich im Kampf und im Widerstand besonders auszeichneten wie Vita Kempner, Rozka Korczak, Chyena Borovska, Sonia Madeysker, Zelda Treger u.a. Die jüdischen Partisanen stellten von Herbst 1943 bis Juli 1944 neben den Russen die größte Gruppe im Rudniki Wald und waren im Juli 1944 im Kampf um die Befreiung von Vilnius beteiligt. (Jüdischer Widerstand)

Gedenken
Der Gedenkstein in der Mėsinių-Straße, gegenüber dem Jüdischen Kultur- und Informationzentrum, wurde zu Ehren der Ghetto Märtyrer und Kämpfer im Jahr 1993 errichtet. Der öffentliche Platz zwischen den Straßen Mėsinių und Rūdninkų heißt offiziell Platz der Ghetto-Opfer (Geto auku). In der Żemaitijos-Straße 8A wird mit einer Gedenktafel an Yechiel Sheinbaum erinnert, der mit der Zweiten Kampfgruppe einen bewaffneten Widerstandsversuch unternahm und dabei gefallen ist. Das nach dem Krieg an der Stelle des gesprengten Hauses erbaute Gebäude trägt seit dem Jahr 2000 die Gedenkplakette für Sheinbaum. Auf dem jüdischen Friedhof Sudervės-Kelais-Straße 28 erinnern Gedenksteine an ermordete Widerstandskämperinnen und -kämpfer der FPO: Chwojnik, Big, Kaplan, Glazman, Witenberg, Madeysker; später ließen sich Shmuel Kaplinski und Chyena Borovska neben ihren Mitkämpfern hier beerdigen.

Literatur / Medien
Arad, Yitzhak: Ghetto in Flames. The Struggle and Destruction of the Jews in Vilna in the Holocaust, New York 1982; Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 1106ff., 1464ff. (Zitat S. 1214); Gräfe, Karl Heinz: Vom Donnerkreuz zum Hakenkreuz, Berlin 2010, S. 193ff.; Kostanian-Danzig, Rachel: Spiritual Resistance in the Vilna Ghetto, Vilnius 2002; Peckl, Petra: Wie die Schafe zur Schlachtbank? Jüdischer Widerstand im Ghetto von Vilnius, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, Köln u.a. 2003, S. 171–184; Porat, Dina: The Fall of a Sparrow. The Life and Times of Abba Kovner, Stanford 2010; Schroeter, Gudrun: Worte aus einer zerstörten Welt. Das Ghetto in Wilna, St. Ingbert 2008, S. 287ff., S. 369-402; Strobel, Ingrid: "Sag nie, du gehst den letzten Weg." Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, Frankfurt/M. 1989, S. 233–246; Sutzkever, Abraham: Wilner Getto 1941-1944, Zürich 2009, S. 159ff.; Derselbe: Die Vereinigte Partisanenorganisation des Wilnaer Ghettos (VPO) in: Grossman, Wassili / Ehrenburg, Ilja: Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, Frankfurt/M. 1994, S. 504 ff.; Guzenberg, Irina: Vilnius. Sites of Jewish Memory. A Concise Guide, Vilnius 2013, S. 64 ff.; Ainsztein, Reuben: Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993, S. 242 Margolis, Rachel: Als Partisanin in Wilna. Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen, Frankfurt/M. 2008, S. 124ff.; Ainsztein, Reuben: Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993, S. 236 ff.

http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/7660/2010-01-18-Juedischer-Widerstand-Ghettos-1939-1944
http://www.juden-in-europa.de/baltikum/vilna/widerstand.htm
http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/vilna/during/ghetto_underground_movements.asp
http://www.jewishpartisans.org/t_switch.php?pageName=gallery+main&gallery=10&room=1#
http://www.deutschlandradiokultur.de/juedischer-widerstand-das-mutige-maedchen.1079.de.html?dram:article_id=283683
http://www.untilourlastbreath.com/Bart4bunkerfacts.html (Foto Ruine Strashunstraße)
https://www.fold3.com/page/286160648_vilna_ghetto_partisants#description
http://www.jewishvirtuallibrary.org/operations-diary-of-a-jewish-partisan-unit-in-rudniki-forest