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Asco

Region Korsika (Corse), Departement Haute-Corse

Der Ort
Bergdorf von 130 Einwohner/innen im Asco-Tal. Anfahrt von Ajaccio: 120 km (N 193 →Bastia, in Ponte Leccia auf N 197 →Calvi, nach 2 km links auf D 47/147, noch ca. 20 km) von Bastia: 65 km (N 193 →Ajaccio bis Ponte Leccia, dann weiter wie oben).

Die Ereignisse
Auf Anordnung der Italiener verhafteten französische Polizisten am 27. Mai 1943 in Bastia und Umgebung die männlichen französischen Juden von 18 bis 60 Jahren. 57 von ihnen wurde das entlegene „Sackgasssen“-Dorf Asco als Zwangswohnort zugewiesen, darunter der Rabbiner von Bastia, Meïr Toledano, und der 18-jährige Jacques Ninio. Sie wurden in der Dorfschule untergebracht, bewacht von italienischem Militär. Sie konnten Besuch von Familienangehörigen bekommen, sich im Dorf bewegen, es aber nicht verlassen. Sie wurden von den Dorfbewohnern unterstützt, u.a. mit Lebensmitteln. Einem gelang die Flucht. Am 8. September 1943 konnten sie nach Hause.
Jacques Ninio erzählte 2008 vor Schüler/innen: „Wir schliefen auf dem Boden, versuchten Nahrung zu finden und Holz in Erwartung des Winters. ... Wir waren von unseren Familien getrennt, abgeschnitten von der Welt, und hatten Angst, jederzeit den Deutschen ausgeliefert zu werden. Die Zeiten waren schwer, aber die Dorfbewohner haben uns geholfen und wir wurden nicht misshandelt.“ Vgl. auch den Bericht seiner späteren Frau Rachel, in: Battistini, aaO, S. 156ff.

Dorf Asco (© Pierre Bona, Wikipedia) Schule

Zum Hintergrund
1940 wohnten etwa 600 jüdische Menschen auf Korsika. Es gab vereinzelt antijüdische Hetze, aber praktisch keinen Antisemitismus in der Bevölkerung. Die antijüdischen Gesetze und Anordnungen der Vichy-Regierung, wie z.B. die karteimäßige Erfassung von Juden, wurden durch den Präfekten Balley nur mit Verspätung umgesetzt. Im Gegensatz zur frz. Südzone gab es im Sommer 1942 keine Juden-Razzien. Allerdings ließ ein frz. Beamter – in Abwesenheit des Präfekten – im September 1942 den deutschen jüdischen Flüchtling Ignace Schreter in Ajaccio festnehmen; von dort wurde er in die von Vichy verwalteten Internierungslager Rivesaltes und Gurs in Südfrankreich und Drancy bei Paris gebracht und dann von den Deutschen in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.  
Von den italienischen Besatzungsbehörden wurde kein jüdischer Mensch in die KZ deportiert. Das entsprach der in Italien und in den italienisch besetzten Gebieten Südfrankreichs im November 1942 bis Herbst 1943 verfolgten Linie: Ausgrenzung und Zuweisung von Zwangswohnorten ja, aber keine Deportation und Ermordung. General Magli, italienischer Oberkommandierender in Korsika, hatte die Schaffung eines Internierungslagers bei Ghisonaccia angeregt, das wurde aber nicht realisiert.
Außer den in Asco festgehaltenen Juden aus der Region Bastia wurden in Ajaccio Anfang August 1943 mehrere Juden unter Hausarrest gestellt; sie durften ihre Häuser nur stundenweise verlassen.
Jacques Ninio: „ ... trotzdem war unsere Lage sehr schwierig. Wir lebten in Angst und Furcht. Auch wenn viele Korsen solidarisch mit uns waren, will ich Ihnen nicht verschweigen, dass es mehrere Dutzend Denunziationsbriefe an die Behörden gab.“

Treppe zur Synagoge in Bastia (© Louis A. Davidson / Synagogue360.org) Eingang der Synagoge (© Louis A. Davidson / Synagogue360.org)

Gedenken
In Asco erinnert keine Tafel an den Zwangsaufenthalt der Juden in der Schule. Neben dem Eingang zur Beth Meïr-Synagoge in Bastia, Rue du Castagno in der Nähe des alten Hafens, gedenkt eine Tafel der Opfer der antisemitischen und rassistischen Politik Vichy-Frankreichs.

Literatur/Medien
Chaubin, Hélène: La Corse à l'épreuve de la Guerre 1939–1943, Paris 2012, S. 69, 126ff.
Battistini, Roberto/Ferranti, Marie: Corse 1943. Les Combattants de la Liberté, Ajaccio 2013, S. 156ff.
A Memoria, Bulletin ANACR 2B, N° 25, Dezember 2010, S. 11
Corse-Matin v. 16. März 2008 und v. 31. Mai 2010
Résistance et Libération de la Corse, Ajaccio 1993, S. 56
www.resistance-corse.asso.fr/fr/histoire/histoire-de-la-resistance/occupation-resistance-et-liberation/resister/le-sort-des-juifs-en-corse/
www.thejc.com/print/33208