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Panevėžys Stadt

Bezirk Panevėžys

Der Ort
Panevėžys, die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks in Nordostlitauen mit über 113.000 Einwohnern (2008), liegt am Fluss Nevėžis. Von Vilnius ist die Stadt ca. 130km entfernt und über die A2 zu erreichen.

Die Ereignisse
Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in der Stadt ungefähr 6.800 Juden. Sie galt als die zweitgrößte Stadt im damals unabhängigen Litauen. Zur jüdischen Gemeinde gehörten zahlreiche Gebetshäuser und Synagogen, jeweils ein Gymnasium für Mädchen und Jungen, ein Krankenhaus, Bibliotheken sowie weitere beeindruckende kulturelle, soziale und religiöse Einrichtungen.

Wegweiser zum Gedenkort Staniūnai

Mit der Nachricht vom deutschen Einmarsch in Litauen am 22. Juni 1941 setzte sofort die Verfolgung von Juden und Kommunisten in Panevėžys ein. Hinter den Angriffen steckten auch Vertreter der städtischen Intelligenz – die Angriffe steigerten sich mit der Ankunft der Wehrmacht am 26. Juni. Das Gefängnis war in kurzer Zeit mit willkürlich Verhafteten überfüllt, sie wurden misshandelt, öffentliche Demütigungen der Opfer, die in Pogrome übergingen, waren an der Tagesordnung. Litauische Polizei organisierte tägliche Märsche durch die Stadt, bei denen Juden unter dem Beifall der Zuschauer unter Schlägen durch die Straßen getrieben wurden. Wer nicht gehen konnte, musste von stärkeren Leidensgenossen getragen werden.

Gedenkort I Staniūnai Der Ortskommandant der Wehrmacht ordnete Anfang Juli nicht nur die Errichtung eines Ghettos im Zentrum der Stadt an, Frist für dessen Abschließung war der 11. Juli, 18 Uhr; er ordnete außerdem an, dass Juden am rechten Arm ein gelbes Band, später auf der Brust und auf dem Rücken einen gelben Davidstern zu tragen hätten. Das Ghetto war mit Stacheldraht umzäunt und wurde von litauischen Hilfspolizisten bewacht. Mit der Einrichtung des Ghettos wurden 70 prominente Mitglieder der jüdischen Gemeinde als Geiseln genommen, ins Gefängnis gesteckt und später ermordet. Ende Juli war das Ghetto mit nahezu 4.500 Juden aus der Stadt und dem Umland derart überfüllt, dass über 1.000 weitere Juden dort nicht unterzubringen waren. Die Enge, der Schmutz und der Mangel an praktisch allen Hilfsgütern führten rasch zum Ausbruch von Krankheiten, denen die jüdischen Ärzte im Ghetto hilflos gegenüberstanden. Der kurzfristig eingesetzte Judenrat konnte nichts dagegen ausrichten. Im Wesentlichen hatte er Juden für die Zwangsarbeit bereit zu stellen. Die wenigen überlieferten Berichte zur Zwangsarbeit in Panevėžys erzählen von „wahren Horrorszenarien“ (nachzulesen bei Dieckmann 2011, S. 815). Die Ghetto-Bewohner waren der Willkür und Brutalität der litauischen Hilfsmannschaften schutzlos ausgeliefert. Ihr Besitz in der Stadt wurde massenhaft geplündert, verteilt und verkauft.

Unter dem Deckmantel der Zwangsarbeit verschwanden in der zweiten Julihälfte immer größere Gruppen von Juden zusammen mit Kommunisten – sie wurden ermordet. Es begann am 21. Juli mit der Erschießung von 103 Menschen, am 22. und 28. Juli folgte die Erschießung von 250 Juden, am 04. August von über 400 und am 11. August von nahezu 500 Jüdinnen und Juden. Diesen Mordaktionen sind bis zum 12. August – im Wald Kaiserling/Staniūnai, ca. 2km und im Žalioji Wald, ca. 13km von der Stadt entfernt – über 1.200 Juden und nahezu 100 litauische und russische Kommunisten zum Opfer gefallen.

Mitte August 1941 begannen schließlich Vorbereitungen, alle Juden aus Panevėžys und Umgebung in ehemaligen Militärkasernen vier Kilometer von der Stadt entfernt im Pajuostė Wald zu isolieren und anschließend zu ermorden. Sie wurden unter Leitung des SS-Rollkommandos Hamann und unter Beteiligung litauischer Hilfstruppen vom 23. oder 24. August an (die Dokumente nennen beide Daten) in Gruppen zu je 200 dorthin verschleppt und Gruppe für Gruppe unter nochmaliger Erniedrigung und auf grausame Weise in vorbereitete Gruben gestoßen und erschossen. Der deutsche Chef des Mordkommandos – wahrscheinlich Joachim Hamann – teilte den Opfern zuvor in einer Rede mit, auf Befehl „des Führers“ seien alle Juden zu vernichten. Dem Massaker im Wald bei Pajuostė fielen über 7.500 Menschen zum Opfer. Der Chef der für Litauen zuständigen SS, Karl Jäger, listete in seinem Gesamtbericht vom 1. Dezember 1941 auf: „1.312 Juden, 4.602 Jüdinnen, 1.609 Judenkinder“ (Jäger-Bericht, Blatt 3). Sowjetische Kriegsgefangene mussten die Gruben zuschütten. Mit diesem Blutbad, das nach unterschiedlichen Zeugenberichten zwei oder gar drei Tage andauerte, war nicht nur die jüdische Gemeinde von Panevėžys, sondern auch die jüdische Bevölkerung aus den Orten der Umgebung ausgelöscht. Insgesamt sind in Panevėžys mehr als 8.700 Menschen dem deutsch-litauischen Terror von Juli/August 1941 zum Opfer gefallen.

Nach der Ermordung der Juden von Panevėžys und der umliegenden Orte arbeiteten bis zum Sommer 1944 noch zahlreiche Juden als Zwangsarbeiter in der Stadt und auf dem in der Nähe gelegenen Militärflughafen. Diese kamen aus den Ghettos von Vilnius, Šiauliai und Kaunas, auch aus Riga und aus Estland. Sie alle wurden kurz vor dessen Liquidierung in das Ghetto Šiauliai gebracht und dort ermordet oder in Konzentrationslager nach Deutschland deportiert.


Gedenkort Žalioji Gedenken
Drei Orte im Wald sowie zwei Monumente und ein jüdisches Museum in der Stadt erinnern an die Opfer von Panevėžys und Umgebung.

Gdenkort I für die Opfer vom 21. Juli 1941 (Staniūnai Wald)
Vom Zentrum Panevėžys aus fährt man in die Vilniaus-Straße, von dort rechts auf die Velžio-Kelias (Nr. 121) in Richtung Anykščiai; ca. 200m nach dem Ortsschild Staniūnai erreicht man auf der linken Seite einen Parkplatz mit einer Holzfigur (GPS 55.71751139 24.40014806 / N55°43'3.04" E24°24'0.53"); von dort aus geht man auf einem Fußweg ca. 500 Meter bis zu einer zweiten Holzstele; an ihr vorbei erreicht man den aus Holzpfählen kunstvoll gestalteten Gedenkort, jedoch ohne einen Gedenkstein für die Opfer.
GPS 55.72022806 24.40243306 / N55°43'12.82" E24°24'8.76"

Gedenkort II für die Opfer von Anfang August 1941 (Žalioji Wald)
Von der Stadtmitte Panevėžys aus fährt man auf der A10 ca. 6km in Richtung Pasvalys. Gleich nach der Brücke über den Fluss Lėvuo nach rechts abbiegen auf der Straße Nr. 3028 nach Paliūniškis; dort mündet diese in die Straße Nr. 191, der man nach links in Richtung Vabalninkas folgt. Nach dem Ortsausgangsschild von Paliūniškis erreicht man in ca. 2,5km links einen Parkplatz und einen schwarzer Markstein (GPS 55.81919500 24.45897139 / 55°49'09.1"N 24°27'32.3"E), außerdem ein Symbol für Gedenkorte, allerdings ohne Beschriftung. Der Markstein zeigt ca. 200m zum Gedenkort. Die Inschrift auf dem Gedenkstein lautet (in Jiddisch und Litauisch): „An diesem Ort haben im August bis September 1941 die Nazi-Mörder und ihre lokalen Helfer ungefähr 4.500 Menschen, darunter ungefähr 3.500 jüdische Kinder, Frauen und Männer ermordet. Möge die Erinnerung an sie geheiligt sein“.
GPS 55.82052806 24.45615000 / N55°49'13.90" E24°27'22.14" 

 

Gedenkstätte Pajuostė Gedenkstein Pajuostė Gedenkort III für das Massaker vom 23./26. August 1941 (Pajuostė Wald)
Am Ort des Massenmords vom 23./24. bis 26. August 1941 im Pajuostė Wald wurde nach 1945 auf Initiative eines mit der Roten Armee zurückgekehrten jüdischen Soldaten bei den Massengräbern von Pajuostė ein Denkmal mit einem Davidstern errichtet, dem in der Zeit des Sowjetregimes einzigen Monument, das mit diesem jüdischen Symbol versehen war. Die Inschrift lautete auf Russisch und Jiddisch: „Die vier Massengräber der Juden von Panevėžys, die von Deutschen und Litauischen Faschisten im August 1941 umgebracht wurden“. Das Monument existiert heute nicht mehr. An seiner Stelle steht der unten beschriebene Gedenkstein.

 

Zu dem Gedenkort III gelangt man vom Zentrum in Panevėžys aus über die Kerbedzio-Straße in Richtung Straße Nr. 122, jedoch nicht dieser Straße folgend, sondern geradeaus in die Tinklų-Straße (Nr. 3006) in Richtung Trakiškis fahren. Ca. 2km nach dem Ortsende von Kaimiškis erreicht man einen schwarzer Markstein und ein braunes Hinweisschild (Žydų Genocido Aukų Kapinės 0,8km). Von dort aus rechts in eine Schotterstraße einbiegen, der man 800 Meter folgt, bis ein zweiter schwarzer Markstein rechts in den Wald zum Gedenkort mit folgender Inschrift (in Litauisch) weist: „An diesem Ort haben Hitlers Schergen und ihre lokalen Helfer ungefähr 8.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer ermordet“.
GPS 55.73399306 24.47607806 / N55°44'2.38" E24°28'33.88"

 


Gedenkstein am ehemaligen Ghetto-Tor (pavb.lt)

Gedenkorte in der Innenstadt von Panevėžys
• An der Stelle, an der sich 1941 der Eingang zum Ghetto befand (Ecke Klaipėdos / Krekenavos ) wurde im September 1993 das Monument „Ghetto Gates“ eingeweiht. Der Gedenkstein stellt symbolisch den Eingang des ehemaligen Ghettos dar. Auf dem Granitstein ist der Grundriss des Ghetto-Geländes eingraviert. Seine in Jiddisch und Litauisch gehaltene Inschrift lautet: „An dieser Stelle existierte vom 7. Juli 1941 bis zum 17. August 1941 das jüdische Ghetto“. 
(55.727144 24.352693 / N55°43'37.718'' E24°21'9.694'')

• An dem Gebäude der ehemaligen „Ponevezh Jeschiva“ (Savanorių a. 11), eine der bekanntesten Talmudhochschulen vor dem Zweiten Weltkrieg, befindet sich seit 1997 eine Gedenktafel. Sie trägt eine hebräische und eine litauische Inschrift, die an die während des Holocaust ermordeten Schüler der Hochschule erinnern.
(55.726467 24.365672 / N55°43'35.281'' E24°21'56.419'')

Gedenkstätte ehemaliger jüdischer Friedhof (pavb.lt)• Dort, wo sich einst der alte jüdische Friedhof befand, der den Holocaust überdauerte, während der Sowjetzeit 1966 jedoch einer Parkanlage (Atminimo Garden, Sietyno g.) weichen musste und zerstört wurde, gibt es inzwischen einen ausgewiesenen Erinnerungplatz. Ein Davidstern, bestehend aus einigen der ursprünglichen Grabplatten, die in Mauern und Wegen verbaut worden waren, ist in den Boden eingelassen. 2009 wurde die Figur der „Trauernden Jüdischen Mutter“ eingeweiht mit folgender Inschrift: „For these things I am crying, my eyes swimming with tears. Those who could console and comfort my soul are far away …” (Jeremiah 1:16).
(55.7310278 24.3525278 / N55°43'51.7" E24°21'09.1")

Skulptur auf der Gedenkstätte (pavb.lt)


• 2004 bekam die jüdische Gemeinde zwei Räume des ehemaligen jüdischen Mädchen-Gymnasiums übergeben. Dort ist auf knapp 85qm ein kleines Museum, eine Bibliothek und ein Archiv untergebracht, die über die regionale jüdische Geschichte und über die Vernichtung der litauischen Juden im Holocaust informieren. In der Begegnungsstätte finden auch Seminare, Konferenzen und Gedenkveranstaltungen statt. (55.724920 24.361958 / N55°43'29.712'' E24°21'43.048'')

 

 


Jüdisches Museum und Begegnungsstätte (J. Katz)Adresse
Panevėžio miesto Žydų bedruomenės muziejus
Ramygalos g. 18
36231 Panevėžys 
Tel: +370 (8) 454 352 95
E-Mail: genavta@yahoo.com


Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Die litauischen Hilfsbataillone und der Holocaust, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 127; Dieckmann, Bd. 2, S. 814-816; Holocaust Atlas 2011, S. 138-140

http://holocaustatlas.lt/EN/atlas/Gedenkort I (Gedenkort I: "Mass Murder of the Jews in Velžis/Staniūnai Forest.")
http://holocaustatlas.lt/EN/atlas/Gedenkort II (Gedenkort II: "Mass Murder of the Jews from Panevėžys and Surrounding Areas in the Žalioji Forest.")
http://holocaustatlas.lt/EN/atlas/Gedenkort III (Gedenkort III: "Mass Murder of the Jews from Panevėžys and Surrounding Areas in Pajuostė Forest.")

http://www.yadvashem.org/untoldstories
http://kehilalinks.jewishgen.org/Panevezys/pon3
https://www.memorialmuseums.org/orte/view/611/Panevezys
http://www.lzb.lt/en/2015/12/31/remembering-the-holocaust-victims-of-panevezys/
http://www.jewishpanevezys.lt/en/panevezys-jews-today

Fotos
Gabrielė Petkevičaitė-Bitė Panevėžys County Public Library (pavb.lt):
http://paneveziokrastas.pavb.lt/skulptura/geto-vartai (Ghetto Gates)
http://paneveziokrastas.pavb.lt/skulptura/zydu-motina/ (Ehemaliger jüdischer Friedhof Panevėžys, Trauernde jüdische Mutter)
Jonathan Katz (Jüdisches Museum Panevėžys):
http://newvoices.org/2015/04/21/imagining-an-alternate-history-in-lithuania