Region Lombardei

Namen der Opfer vom 10. August 1944Denkmal auf dem Piazzale LoretoDie Stadt                                                                
Mailand – mit Turin, Genua, Bologna und Triest das Rückgrat der norditalienischen Kriegswirtschaft – war für den Machterhalt des Ende September 1943 installierten Marionettenregimes von Salò ebenso wichtig wie für die deutsche Besatzung. Nach dem Einmarsch von Wehrmacht und der SS am 13. September 1943 folgte die rasche Etablierung der Militärverwaltung, die Kontrolle der Rüstungs- und Kriegsproduktion zur Ausbeutung der norditalienischen Industrie, es folgte die Organisation Todt mit der Zuständigkeit für den Bau der militärischen Einrichtungen und schließlich folgte die fortgesetzte, auch mit Gewaltaktionen betriebene Rekrutierung italienischer Zwangsarbeiter. Zudem war Mailand wichtig für die Bekämpfung des Widerstandes in Oberitalien, der zunehmend von hier aus koordiniert wurde (CLNAI).

Die Ereignisse                                                                
Die Machtzentrale der SS etablierte sich im damaligen Hotel Regina (Via Santa Margherita 6), das von September 1943 an zum berüchtigten Verhör- und Folterzentrum unter dem Kommando von SS-Sturmbannführer Theo Saevecke wurde. Unterstützung erhielt die SS durch die berüchtigte Polizeieinheit Muti, die ihr Hauptquartier in der Kaserne in der Via Rovello 2, dem heutigen Sitz des Piccolo Teatro, hatte. Im Gefängnis San Vittorio wurden die Juden Mailands vor ihrer Deportation ebenso inhaftiert wie Widerstandsangehörige. Die öffentliche Hinrichtung von fünfzehn Geiseln am 10. August 1944 auf dem Piazzale Loreto durch italienische Miliz – jedoch nach Anordnung der SS – hat sich tief in das Gedächtnis der Mailänder Bevölkerung eingegraben. 

Gedenktafeln im Palazzo della RagioneGedenken                        
Das ehemalige Hotel ReginaAn den Säulen der offenen Arkadenhalle des Palazzo della Ragione (Piazza Mercanti, vom Dom aus am anderen Ende des Domplatzes) sind auf Bronzetafeln die Namen der Opfer der Provinz Mailand aus den Reihen der Resistenza aufgeführt. Am Gebäude des ehemaligen Hotel Regina erinnert eine 2010 nach einer Bürgerpetition angebrachte Tafel an den Sitz der SS und des SD in Mailand. 

Gefängnis San Vittore
In dem mit den Namen grausamer SS-Schergen verbundenen Gefängnis wurden unter unmenschlichen Bedingungen sowohl politische Gefangene wie die zur Deportation bestimmten Mailänder Juden inhaftiert. Misshandlungen und Folter waren alltäglich. Das Gefängnis wurde am am 26. April 1945 von Partisanen der Brigade Matteotti befreit.

Piazzale Loreto                                                                        
Am 10. August 1944 ließ Theo Saevecke zur Vergeltung eines Partisanenanschlags auf Militärfahrzeuge fünfzehn in Mailand inhaftierte Partisanen erschießen. Die Exekution fand in aller Öffentlichkeit statt. Saevecke hatte die Opfer persönlich ausgesucht. Die Leichen der Erschossenen wurden tagelang zur Schau gestellt. Die Bevölkerung nahm in den Tagen danach in stummer Prozession von den Opfern Abschied. Der Bluttat vom August 1944 folgte am 29. April 1945 die Zurschaustellung der Leichname von Mussolini, seiner Geliebten und anderer faschistischer Führungsgestalten, die zwei Tage zuvor von Partisanen am Comer See gefasst und erschossen worden waren. Ein Monument und eine Namenstafel sind den Opfern des Geiselmords vom 8. August 1944 am Piazzale Loreto gewidmet.

Deportation der Juden 

Route der Deportation in Mailand (Foto: Memoriale della Shoah)

Memoriale della Shoah di MilanoDie Juden Mailands wurden zwischen November 1943 und Januar 1945 zunächst im Mailänder Gefängnis San Vittore inhaftiert und dann vom Bahnsteig 21 des Hauptbahnhofs in die Vernichtungslager deportiert. Die Transporte gingen teils direkt, teils über das Durchgangslager Fossoli nach Auschwitz, einige nach Bergen-Belsen, Ravensbrück, Flossenbürg und Bozen-Gries.Insgesamt verließen 15 Deportationszüge mit über 1.200 Opfern Mailand.                                    

Memoriale della Shoah di Milano
Direkt unterhalb dieses Bahnsteigs entsteht an der Piazza Edmond J. Safra das “Memoriale della Shoah di Milano”. Mit den Bauarbeiten für das im Jahr 2002 von der gleichnamigen Stiftung initiierte Projekt wurde 2010 begonnen. Am 27. Januar 2013 wurde das Kernstück des Memoriale della Shoah offiziell eingeweiht und seit dem 26. Januar 2014 ist es tageweise für Besucher geöffnet. 
 
Schauplätze faschistischer Macht und Niederlage
10. August 1944: ermordete Geiseln am Piazzale Loreto (Foto: Insmli)„Piazza San Sepolcro und Piazzale Loreto sind Schauplätze faschistischer Macht und Niederlage. Im Palazzo Castani, gegenüber der Kirche San Sepolcro (zum heiligen Grab), wurden im März 1919 die Fasci gegründet …Als der Faschismus wenige Jahre später an die Macht kam, wurde das Nebenhaus abgerissen und der Sitz der Mailänder Partei hierher verlegt. Die Piazza bedeckt einen Teil des antiken römischen Forum. Aus diesem Grund soll Mussolini gerne hier vom Balkon gesprochen haben. Am 25. April 1945, als die Faschisten und Mussolini Mailand überstürzt räumen mussten, versammelte sich auf dem Platz der letzte faschistische Widerstand. Die Partisanen drangen von allen Seiten in die Stadt ein …
Ein Teil der faschistischen Führung mit Mussolini und seine Geliebten, Clara Petacci, wurde zwei Tage darauf am Comer See von Partisanen gefangen und erschossen … Am Morgen des 29. April brachten einige Partisanen die Leichen der Faschistenführer und Mussolinis nach Mailand und stellten sie spontan am Piazzale Loreto zur Schau. Hier waren im August 1944 von der faschistischen Miliz auf Befehl der SS Geiseln erschossen worden. “  (Kammerer-Krippendorff, S. 166).

Zwischen September 1943 und der Befreiung vom Faschismus war das Gebäude Ecke Via Dante/Via Rovello Standort der faschistischen Polizeilegion Muti, einer auf die Jagd und Folterung von Partisanen spezialisierten autonomen Formation. Dort gründete Giorgio Strehler 1947 das berühmte Piccolo Teatro.

Einrichtungen
Der zentrale Sitz des koordinierenden Istituto nazionale per la storia del movimento di liberazione  (INSMLI) in Italia befindet sich in in der Viale Sarca 336 (pal. 15), 20126 Mailand; Tel +39 02.6411061; E-Mail: segreteria@insmli.it; www.italia-liberazione.it/ (Metro 1 Richtung Sesto FS, Station Sesto Marelli, dort umsteigen in Bus 51); im diesem Institut befindet sich auch die Bibliothek „Ferruccio Parri“ (www.insmli.it/parrimilano/)

Die Fondazione Centro Documentazione Ebraica Contemporanea (CDEC) in der Via Eupili 8, 20145 Milano, kann nach telefonischer Voranmeldung besucht werden (Tel.+39 02-316338; E-Mail: cdec@cdec.it), www.cdec.it; Tram 1, 29, 30 ; Autobus 61; Metro: Linea Metropolitana 2, Haltestelle Cadorna, dann Autobus 61
 

Memoriale della Shoah di Milano, Largo Edmond J. Safra, 1, 20124 Milano, www.memorialeshoah.it; Öffnungszeiten (Stand Frühjahr 2016): Montag von 10.00-19.30 Uhr, Dienstag bis Donnerstag 10.00-14.30 Uhr, am 1. Sonntag des Monats von 10.00-18.00 Uhr. Weitere Termine nach Voranmeldung unter prenotazioni@memorialeshoah.it.
Metro: Linea Metropolitana 2, Haltestelle Centrale FS

Literatur/Medien:
Milano 1940–1945. La guerra, L’occupazione, La resistenza, La liberazione. Itinerari della memoria. A cura di Luigi Borgomaneri, Milano 2003; 1943 Albergo Regina & Metropoli. Via Santa Mergherita Ang. Via Silvio Pellico. A cura di G. Marco Cavallarin. Milano 2010; Liliana Picciotto Fargion: Gli Ebrei in provincia di Milano: 1943/1945. Persecuzione e deportazione. Fondazione Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea, Milano 1992/2004; Memoriale della Shoah di Milano. Binario 21. Fondazione Memoriale della Shoah di Milano 2010; Peter Kammerer und Ekkehart Krippendorff, Reisebuch Italien. Von Südtirol bis zur Toskana. Neuausgabe 1998, S. 165 f.; anpimilano.com/la-resistenza-a-milano; www.italia-liberazione.it; www.memorialeshoah.it; anpimilano.files.wordpress.com/2012/08/15-martiri.pdf; www.muvilo.it (Museo Virtuale della memoria collettiva di una regione: La Lombardia); www.resistenza.eu/memoriale-della-shoah-mailand