Bezirk Klaipėda

Der Ort
Gargždai, eine Kleinstadt mit ca. 16.000 Einwohnern (2008), liegt in der Nähe der Bezirkshauptstadt Klaipėda. Im ehemaligen ostpreußisch-litauischen Grenzgebiet lag Gargždai auf litauischer Seite unmittelbar an der Grenze. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Gargždai eine deutsch-litauisch gemischte Bevölkerung. 1939 lebten in der Stadt rund 700 Juden, die etwa ein Viertel der Stadtbevölkerung ausmachten und eine bedeutende Rolle für die Wirtschaft der Stadt und der Region spielten. Gargždai liegt am linken Ufer der Minija und ist von Klaipėda aus auf der A1 Richtung Kaunas in ca. 20 Minuten erreichbar.

Die Ereignisse
Am 24. Juni 1941 wurde in Gargždai die erste Massenerschießung von Zivilisten auf dem Gebiet Litauens verübt. Die Wehrmacht hatte am 22. Juni 1941 die Stadt nach schweren Kämpfen eingenommen. Bei der hartnäckigen Verteidigung der Stadt durch sowjetische Grenztruppen wurden zahlreiche deutsche Soldaten getötet.

Gedenkort IDie Wehrmacht schaltete wegen angeblicher Beteiligung von zivilen Heckenschützen die deutsche Grenzpolizei im damaligen Memel (heute Klaipėda) ein, was schließlich im Einvernehmen mit Walter Stahlecker, dem Chef der SS-Einsatzgruppe A, zur Bildung einer „Einsatzgruppe Tilsit“ und zum Massaker am 24. Juni 1941 führte. Unter dem Kommando der Staatspolizeistelle Tilsit und des Grenzpolizeikommissariats Memel wurden 200 Männer – zumeist Juden, auch eine Frau und einige litauische Kommunisten – auf barbarische Weise erschossen. Das Verbrechen in Gargždai war Gegenstand des Ulmer Einsatzgruppen-Prozesses, dessen Urteil vom 29. August 1958 nach Jahren der Untätigkeit der deutschen Strafjustiz bahnbrechend für die danach intensiver werdende Verfolgung nationalsozialistischer Kriegs- und Besatzungsverbrechen wurde.

Die ca. 250 bis 300 jüdischen Frauen und Kinder von Gargždai waren, wie die Männer am 24. Juni 1941, von derselben Einsatzgruppe zusammengetrieben und in einem Ghetto außerhalb von Gargždai bis September gefangen gehalten worden. Mitte September wurden 100 junge Frauen unter dem Vorwand eines Arbeitseinsatzes in Plungė „aussortiert“ und im Wald von Vėžaitinė (ca. 11km von Gargždai in Richtung Kuliai entfernt) erschossen. Eine Woche später wurden die übrig gebliebenen Frauen und Kinder ebenfalls im Wald von Vėžaitinė ermordet.

Eine von den Sowjetbehörden 1945 eingesetzte Kommission zur Aufarbeitung von Naziverbrechen in Kretinga gab die Zahl der Opfer aus Gargždai mit insgesamt 751 Ermordeten an.


Gedenken

An die Opfer von Gargždai erinnern drei Gedenkorte.

Gedenkort I: 
Der Gedenkort für die 201 Opfer vom 24. Juni 1941 befindet sich im Zentrum der Stadt. Das Mahnmal steht in einem kleinen Park, der sich an die Wohnanlage in der Klaipėdos-Straße Nr. 28 anschließt. Es trägt folgende Inschrift (in Jiddisch und Litauisch): „Im Juli 1941 töteten an diesem Platz Hitlers Mörder hunderte Juden von Gargždai und seiner Umgebung“.
GPS 55.71197306 21.38772306 / 55°42.7184'N 21°23.2634'E



Gedenkort II 
An die ermordeten Frauen und Kinder aus Gargždai erinnern zwei Gedenkorte im Wald bei Vėžaičiai: Gedenkort II für die 100 „ausgesonderten“ Frauen und der ca. 1,2km nördlich davon liegende Gedenkort III für die große Gruppe der Frauen und Kinder.

Gedenkort II (Holocaust Atlas)Gedenkort II (Holocaust Atlas)Zum Gedenkort II gelangt man von Vėžaičiai aus dem Straßenschild (Plungė 14km) folgend auf der Straße Nr. 166. Nach ca. 6km – man hat den Weiler Perkūnai hinter sich gelassen – biegt man rechts ab (GPS 55.75284 21.53537 / 55°45.170′N 21°32.122E) und fährt auf einem kleinen Schotterweg in den Wald. Nach ca. 230m rechts abbiegen, der Linkskurve folgen und bei der ersten Möglichkeit nach rechts abbiegen. Diesem Schotterweg folgt man insgesamt ca. 730 Meter bis zur Höhe des Gedenkortes; dabei passiert man eine Links- und eine Rechtskurve sowie zwei Fußwege, die links in den Wald hinein führen; 60 Meter weiter geradeaus kommt der dritte Fußweg auf der linken Seite. Der Gedenkort befindet sich hier ca. 40 Meter weit im Wald.

Auf dem Gedenkstein ist zu lesen: „Vorübergehender, erinnere Dich an die Opfer von 1941, die unschuldigen Kinder, Mütter und Großeltern, die von Hitlers Schergen ermordet wurden, nur weil sie Juden waren“ (in Litauisch und Hebräisch).
GPS 55.744333 21.531367 / 55°44.65998′N 21°31.88202′E

 

 
Gedenkort III
Gedenkorte III (kvr/J.P.)Den dritten Gedenkort erreicht man ebenfalls von Vėžaičiai aus auf der Straße Nr. 166 Richtung Plungė. Man passiert den Abzweig zum Gedenkort II und fährt auf der Straße 166 weitere 450 Meter geradeaus bis zum nächsten Abzweig nach rechts in den Wald. Nach ca. 350m Schotterweg kommt ein Wendehammer, der Gedenkort mit zwei Gedenkstätten liegt auf der rechten Seite des Weges im Wald.

Gedenkort III (kvr/S.S.)

Im September 2016 wurde der Stein der oberen Gedenkstätte restauriert. Die ursprünglich blaue Gedenktafel wurde durch zwei schwarze ersetzt, die Inschrift lautet gleichbleibend: „Seid verflucht, ihr Mörder am frühen Morgen ... S. Neris“, darunter: „Hier, an einem stillen Platz im Žemaitija Wald, hörte man im Oktober 1941 Schüsse und das Weinen von Frauen und Kindern. An diesem Platz erschossen deutsche Faschisten ungefähr 300 jüdische Menschen aus Gargždai. Die Opfer werden immer in unserem Gedächtnis bleiben als Aufgabe im Kampf gegen den Faschismus“ (auf Litauisch).
GPS 55.754567 21.545117 / 55°45.27402′N 21°32.70702′E 

 

 

 

 

Gedenkort III (kvr/J.P.)

Auf dem zweiten Gedenkstein, den man über eine Treppe hinunter erreicht, steht: „Vorübergehender, erinnere Dich an die Opfer von 1941, die unschuldigen Kinder, Mütter und Großeltern, die von Hitlers Schergen ermordet wurden, nur weil sie Juden waren“ (in Litauisch und Hebräisch).

 

Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: Holocaust in Lithuanian Province in 1941, o.J. S. 1-75 (hier S. 40-43) abrufbar unter http://www.docscopic.info/ENG; Dieckmann 2011, Bd. 1, S, 381ff.; Friedländer, Saul: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden, München 2006, S. 247ff.; Holocaust Atlas 2011, S. 78-83; Pätzold, Kurt: "Einsatzgruppe Tilsit" in: Junge Welt vom 25. Juni 2011 (http://www.ag-friedensforschung.de); Tauber, Joachim: "Garsden, 24. Juni 1941", in: Annaberger Annalen 5/1997, S. 117-134 (http://www.annaberger-annalen.de/jahrbuch/1997/pdf

http://www.holocaustatlas_Gedenkort I
http://www.holocaustatlas_Gedenkort II
http://www.holocaustatlas_Gedenkort III

http://kehilalinks.jewishgen.org/Gargzdai/holocau.html (John S. Jaffer: Gargždai and the Holocaust)
http://defendinghistory.com (Joseph Levinson: Awakening Everyone's Conscience, 2001)
http://www.jewishgen.org/Yizkor/Pinkas_lita/lit_00187.html
http://wiki-de.genealogy.net/Garsden
https://www.memorialmuseums.org
http://kehilalinks.jewishgen.org/report (Stapo-Stelle Tilsit meldet dem RSHA am 1. Juli 1941 von ihr durchgeführte Massaker im Memelgebiet)

Fotos
Gedenkort II: Lithuanian Holocaust Atlas, Item 171 ("Mass Murder of the Jewish Women and Children of Gargždai.")
Gedenkort III: Kultūros Vertybių Registras, Unique object code 10971 (J. Paunksnienė, S. Šmatauskienė)