Region Attika

Die Akropolis von AthenDie Stadt
Athen, seit dem Jahr 1834 Hauptstadt Griechenlands (vorher: Nafplio auf dem Peloponnes), ist als kulturelles, historisches und wirtschaftliches Zentrum des Landes die bedeutendste Metropole Griechenlands. Die Stadt gehört zu den ältesten Siedlungen Europas und wurde 1985 erste Kulturhauptstadt Europas. In die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO wurden 1987 die Akropolis und 1990 das Kloster Daphni aufgenommen.
Mit 664.046 Einwohner/innen (Stand: 2011) ist die Stadt Athen relativ klein. Da sie aber mit den umliegenden eigenständigen Gemeinden siedlungsmäßig zusammengewachsen ist, diese teils wie Stadtteile, teils wie Vororte erscheinen, wird hier unter Athen der gesamte Ballungsraum mit den Regionalbezirken Athen-Zentrum, Athen-Nord, Athen-Süd und Athen-West mit zusammen 2,64 Mio. Einwohner/innen verstanden.

Die Ereignisse
Unter italienischer Besatzung
Am 27. April 1941 nahm die deutsche Wehrmacht Athen ein. Vorher waren König Georg II. und Teile der griechischen Regierung unter Emmanouil Tsouderos aus der Stadt geflohen (zunächst nach Kreta, später nach Ägypten). Die gleichtägig auf der Akropolis gehisste Hakenkreuzfahne wehte dort - mit einer kurzen Unterbrechung - bis zum 12. Oktober 1944.
Athen gehörte von April 1941 bis September 1943 zur italienischen Besatzungszone. Die italienischen Behörden verzichteten auf die Einrichtung einer Militärverwaltung und unterstellten ihr Besatzungsgebiet der am 1. Mai 1941 installierten griechischen Kollaborationsregierung unter Ministerpräsident Giorgios Tsolakoglou.

Gedenkstätte KesarianiDie Deutschen unterhielten in Athen diverse zivile Dienststellen, u.a. den Bevollmächtigten des Deutschen Reiches Günther Altenburg und den Sonderbeauftragten Hermann Neubacher, die neben der Militärverwaltung verstärkt im wirtschaftlichen Bereich als Besatzungsbehörden tätig wurden (siehe: Ausbeutung des Landes). Anfang Mai 1941 traf ein Sonderkommando des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR) unter Leitung von Leutnant Hermann von Ingram in Athen ein, u.a. mit der Aufgabe, die für die späteren Deportationen der jüdischen Bevölkerung Griechenlands nötigen statistischen Informationen zu sammeln. Die SS hatte ihr Athener Hauptquartier in der Merlinstraße; in diversen requirierten Gebäuden der Athener Innenstadt wurden weitere Dienstsitze mit „Vernehmungsstellen“ und Haftzellen eingerichtet, unter anderem in der Koraistraße und im Hotel Crystal am Victoriaplatz. Hinrichtungen wurden an verschiedenen Stellen meist am Ortsrand vorgenommen, ab 1942 vor allem am Schießstand von Kesariani.

Das Fanal zum Widerstand gegen die Besetzung ihres Landes setzten die beiden jungen Antifaschisten Manolis Glezos und Apostolos Santas, die in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1941 die Hakenkreuzfahne vom Fahnenmast der Akropolis stahlen.
Vor allem die katastrophale Ernährungslage - bereits der erste Besatzungswinter 1941/1942 forderte ca. 100.000 Hungertote - führte zur Gründung diverser Widerstandszirkel und -organisationen in Athen, im September 1941 zur Gründung der Nationalen Befreiungsfront (EAM), im Februar 1942 zur Gründung der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS). Streiks von Arbeitern, Angestellten und Studenten (u.a. vom Polytechnio) häuften sich und wurden brutal geahndet.

Unter deutscher Besatzung
Nach dem italienischen Kriegsaustritt im September 1943 übernahmen die deutschen Besatzungskräfte auch die vormals italienisch besetzte Zone. Mit Jürgen Stroop wurde der erste Höhere SS- und Polizeiführer in der neugeschaffenen Behörde des HSSPF Griechenland eingesetzt und das Personal des Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS), Dr. Walter Blume, stark aufgestockt. Ab Herbst 1943 wurde unter Leitung des BdS der Kasernenkomplex Chaidari zum „Herz der Hölle“, zum größten und berüchtigsten der über 20 Polizeihaft- und Geisellager, die während der Zeit der deutschen Besatzung in Griechenland bestanden. Vorhof zu dieser Hölle war für viele politische Gefangene das Averoff-Gefängnis.

Gedenkstätte MerlinstraßeMit Razzien (Bloccos) vor allem in den „roten Hochburgen“ im Großraum Athen, die deutsche Einsatztruppen zusammen mit Mitgliedern der „Sicherheitsbataillone“ durchführten, wurden nicht nur deren Bewohner in einem Zustand permanenter Angst gehalten, sondern sie galten - neben der Suche nach „Kommunisten“ - auch als probates Mittel, den Arbeitskräftemangel der heimischen Rüstungsindustrie zu befriedigen. Aus den zusammengetriebenen Männern eines ganzen Bezirks wurden, wie etwa beim Blocco von Kokkinia (Nikea), mehrere tausend Männer ausgewählt, zunächst in das KZ Chaidari transportiert und danach zur Zwangsarbeit in deutsche Lager deportiert.
Mit der Übernahme der ehemals italienisch besetzten Zone verlor auch Athen für die dorthin geflüchteten Juden seinen Asylcharakter (siehe: Judenverfolgung in Griechenland). Damit wurde der Weg frei für die ,,Endlösung der Judenfrage“, gegen die sich Italien als Primatmacht in Griechenland bis dahin gesperrt hatte. Der Verlauf der Judenverfolgung in Athen - von der am 3. Oktober 1943 erlassenen Anordnung zur Meldepflicht aller jüdischen Bewohner bis zu den Deportationen in deutsche Vernichtungslager von März bis Mitte August 1944 - ist beim Gedenkort Holocaust Memorial beschrieben.
Am 12. Oktober 1944 verließen die deutschen Besatzungstruppen - von den nachrückenden Briten weitgehend unbehelligt - Athen. Vorher legte eine Ehrenkompanie am Grabmal des Unbekannten Soldaten vor dem Parlamentsgebäude am Syntagma-Platz einen Kranz nieder. Dort brach wenige Wochen später die Schlacht um Athen (Dekemvriana) aus.

Gedenken
Es gibt in Athen keine zentrale Gedenkstätte für den Widerstand gegen die deutsche Okkupation, auch kein Museum, das sich explizit diesem Thema widmet. Große Gedenkveranstaltungen finden jedes Jahr am 1. Mai am Schießstand von Kesariani zur Erinnerung an die dort am 1. Mai 1944 hingerichteten 200 politischen Gefangenen des KZ Chaidari statt. Andere Gedenkstätten sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt.

Gedenkorte in Athen:

Akropolis
Averoff-Gefängnis
KZ Chaidari
Daphni
Egaleo
Holocaust Memorial
Gladstonos
Kallithea
Kalogreza
Kesariani
Korai 4
Merlin
Mitropolis
Neo Iraklio
Polytechnio
Synagoge
Syntagma

In Nikea, das schon zum Regionalbezirk Piräus gehört, befindet sich der 3. Athener Friedhof, auf dem u.a. die Opfer der Massenhinrichtung vom 1. Mai 1944 beerdigt wurden, und der Jüdische Friedhof Athens.

Einrichtungen:
Korai 4Korai 4 - Memorial Site 1941-1944
, In einem der berüchtigsten Folterkeller der SS wurden vorher verborgene Notizen, Botschaften und Zeichnungen der Gefangenen wieder freigelegt. Korai 4, 105 64 Athen, Tel: +30 210 3243581 und +30 210 9099416, Mail: info@korai4.gr, www.korai4.gr; Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 9.00-14.00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Jüdisches Museum Griechenlands, Nikis Straße 39, Athen 105 57, Tel: +30 210 3225582, Mail: info@jewishmuseum.gr, www.jewishmuseum.gr; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9.00-14.00 Uhr, Sonntag 10.00-14.00 Uhr, Eintritt 6 Euro (Studenten 3 Euro). Viele Exponate, die Einblick in die Verfolgung der Juden in Griechenland geben.

Kriegsmuseum Athen, Vassilis Sophia Avenue, Athen 106 75, Tel: +30 210 7252974 - 5 - 6, Mail: info@warmuseum.gr, www.warmuseum.gr; Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 9.00-19.00 Uhr im Sommer, 9.00-17.00 Uhr im Winter, Sonntag 9.00-15.00 Uhr; Eintritt 3 Euro. Der Saal 10 ist der Besatzungszeit gewidmet.

Museum des politischen Exils, Agion Asomaton Str. 31, Athen (Keramikos), Tel: +30 210 3213488 und +30 6944 156764, Mail: exilemuseum@gmail.com, www.exile-museum.gr. Nicht regelmäßig geöffnet, genaue Eintrittszeiten bitte erfragen.

Literatur / Medien:
Bundesarchiv (Hg.): Europa unterm Hakenkreuz - Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn, Berlin 1992; Fleischer, Hagen: Deutsche „Ordnung“ in Griechenland, in: Droulia u. Fleischer (Hg.): Von Lidice bis Kalavryta, S. 151-223; Fleischer, Hagen: Im Kreuzschatten der Mächte, Griechenland 1941–1944, Frankfurt am Main 1986; Klein, Ralph: Chaidari, In: Benz, Wolfgang/ Distel, Barbara: Der Ort des Terrors - Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9, München 2009, S. 559-572; Mazower, Mark: Inside Hitler’s Greece – The Experience of Occupation 1941-44, New Haven 1993; Nessou, Anestis: Griechenland 1941-1944, Deutsche Besatzungspolitik und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung - eine Beurteilung nach dem Völkerrecht, Göttingen 2009;