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Ghetto Kaunas

Am 10. Juli 1941 erteilten der litauische Stadtkommandant Jurgis Bobelis und der Bürgermeister Kazys Palčiauskas den Befehl, die Juden der Stadt hätten bis zum 15. August im Stadtteil Vilijampolė – von den Juden Slobodka genannt – in das dort vorgesehene Ghetto umzuziehen. Dem Befehl zur Ghettoisierung vorausgegangen waren die entsprechende Ankündigung  des Chefs der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, eine Anordnung Karl Jägers, Chefs des SS-Einsatzkommandos 3, und ein Treffen eines Vertreters der Wehrmacht mit einer Delegation der jüdischen Gemeinde. Ein jüdisches Komitee sollte für den „geordneten“ Umzug sorgen. 

Der Judenrat / Mitte: Vorsitzender Elchanan (kehilalinks)Mit der Errichtung des Ghettos wurde die Freilassung von hunderten jüdischer Frauen und Kinder in Aussicht gestellt, die noch in Todesangst im VII. Fort festgehalten wurden. Den jüdischen Vertretern war die Erpressung klar, der sie schließlich nachgaben. Ende Juli/Anfang August 1941 übernahm die inzwischen installierte deutsche Besatzungsverwaltung – in Kaunas das Stadtkommissariat unter SA-Oberführer Hans Cramer – die Federführung. Mit Ausnahme sog. Sicherheitsfragen, für die die SS die Zuständigkeit behielt, war das Stadtkommissariat für alle „Ghetto-Angelegenheiten“ (u.a. Unterhalt, Einsatz zur Zwangsarbeit, Verwaltung des geraubten Vermögens) in Kooperation mit der litauischen Stadtverwaltung verantwortlich. Innerhalb des Stadtkommissariats war der erst 27-jährige Litauendeutsche Fritz Jordan für das Ghetto zuständig.
Vom 15. August an war das Ghetto Kaunas durch Stacheldraht und Wachmannschaften hermetisch abgeriegelt. Innerhalb des Ghettos lag die Veranwortung für die Organisation und Verwaltung beim „Ältestenrat der jüdischen Ghetto-Gemeinde. Elkes Elchanan, dem man wegen seines Renomees als hervorragender Arzt und seiner guten Beziehungen eine starke Verhandlungsposition zutraute, wurde zum Leiter des Ältestenrats gewähllt – einer der wenigen „Judenräte“, der nicht von der deutschen Besatzung eingesetzt wurde – Leib Garfunkel zu seinem Stellvertreter. Im Unterschied zum Ghetto Vilnius blieb die Ghetto-Polizei ebenfalls unter Kontrolle des „Ältestenrat“, weshalb sie später eine aktive Rolle im Widerstand einnehmen wird.

Innerhalb von wenigen Wochen waren im Ghetto fast 30.000 Menschen in ärmlichen Holzhäusern zusammengepfercht. Das „große“ und „kleine“ Ghetto waren durch eine Holzbrücke durch die Panerių-Straße miteinander verbunden. Es gab dort keine Kanalisation und kein fließendes Wasser. Chaim Yelin, der spätere Führer des Widerstands im Ghetto Kaunas, schrieb 1941: “So, dies ist das Ghetto für Kovnos Juden. Das fromme Slobodka mit seinen Yeshivas und Lehrhäusern ... Das alte Slobodka: halb verfallene Hütten, bucklige kleine Häuser mit Dächern aus moosbegrünten Schindeln, halb eingedrückten Dachsparren und vom Wind gespaltenen Wänden. ... Die Brücke ist sechs Meter hoch, hölzern, wie ein Bogen über die Straße gepannt. Sie führt hoch, runter, verbindet den einen Teil der Dvarostraße mit der anderen, und mit der Paneruistraße darunter, auf der von Pferden gezogene Karren und Autos fahren. Unter der Brücke geht das christliche Leben weiter. Über die Brücke geht der 'kriminelle' Jude“ (Yelin zit. in Dieckmann 2011). 

Brücke zwischen großem und kleinem Ghetto (VilNews) Ghetto Tore (USHMM) Häuser im Ghetto (fold3) Ghetto-Plan (Vilnews)

Die Zahl der Ghetto-Häftlinge wurde nun durch „Selektionen“ kontinuierlich reduziert: In der so genannten „Intelligenz-Aktion“ vom 18. August wurden insgesamt über 700 Juden, unter ihnen mehr als 500 eigens zur Meldung für Archiv-Arbeiten aufgeforderte Akademiker, aus dem Ghetto in das IV. Fort deportiert und dort erschossen. In einer weiteren „Aktion“ am 26. September wurden zwischen 1.200 und 1.600 Opfer, überwiegend Alte, Frauen und Kinder, im IX. Fort ermordet. Am 4. Oktober 1941 wurde das „kleine“ Ghetto aufgelöst, die Inhaber eines Arbeitsscheins wurden in das „große“ Ghetto geschafft, während die übrigen ca. 1.800 Bewohner wiederum in das IX. Fort verschleppt und dort getötet wurden. Grausamer Höhepunkt der Massenmorde dieses Herbstes war die „Große Aktion“ am 29. Oktober 1941. Die gesamte Ghetto-Bewohnerschaft musste in Arbeitskolonnen auf dem zentralen Platz antreten, dann wurden die „Arbeitsfähigen“ nach rechts, die anderen nach links ausgesondert. Angeführt wurden diese „Aussortierungen“ hauptsächlich von SS-Hauptscharführer Helmut Rauca vom Einsatzkommando 3. Ungefähr 9.200 „nicht Arbeitsfähige“ – die Hälfte von ihnen Kinder – wurden danach im IX. Fort erschossen. Karl Jäger war zeitweise persönlich anwesend, um die „Aussortierung“ zu überwachen. Er notierte in seinem Bericht zu dieser Aktion Ende Oktober: „Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden“ (Jäger-Bericht, zit. in Wette 2011).

Dieser „Säuberung“ fiel auch das Ghetto-Krankenhaus zum Opfer. Am 4. Oktober 1941 wurde es mit allen Patienten, den Ärzten und dem medizinischen Personal verbrannt. In der Anordnung des SD vom 3.10.1941 heißt es: Das Infektionskrankenhaus des Ghettos ist mit Einrichtung, Patienten und medizinischem Personal zu verbrennen (Holocaust Atlas). Der Atlas gibt die Zahl von 70 Opfern an, Ausführende waren Mitglieder des Rollkommandos Hamann und deutsche Soldaten. Nach dieser Mordaktion wurde ein geheimes Krankenhaus im Untergrund eingerichtet und betrieben.

Zwangsarbeitseinsätze außerhalb des Ghettos (USHMM)Plan der Ghetto Werkstätten (USHMM)Rückkehr der Zwangsarbeiter ins Ghetto (fold3)Zwangsarbeit
Eine vorübergehende Überlebenschance bekamen mehrere tausend Ghetto-Häftlinge dadurch, dass sie auf dem Flugplatz Aleksotas in Kaunas zum Einsatz kamen. Für den von der deutschen Luftwaffe angeordneten Ausbau des Flugplatzes wurden zunächst die sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem VI. Fort eingesetzt. Als diese nicht mehr in ausreichender Zahl zur Verfügung standen, weil sie an Erschöpfung, Hunger und Seuchen in Massen starben, mussten an ihrer Stelle ab September 1941 die jüdischen Zwangsarbeiter aus dem Ghetto dort arbeiten. Sie erlebten die mörderische Behandlung ihrer sowjetischen Schicksalsgenossen, deren Sterben ihnen –  als „benötigte Arbeitsjuden“ – eine längere Zeitspanne des Überlebens brachte. Über 4.000 Zwangsarbeiter arbeiteten auf dem Flugplatz, ca. 3.000 arbeiteten in Fabriken und Werkstätten außerhalb des Gettos, mehrere tausend arbeiteten in ca. 40 Werkstätten innerhalb des Ghettos unter der Leitung des jüdischen Arbeitsamtes.

Ende 1941 lebten im Ghetto noch ungefähr 17.000 Häftlinge. Trotz anhaltender Ausbeutung durch Zwangsarbeit folgte 1942 eine Periode „relativer Ruhe“.  

Arbeiterinnen in einer der Ghetto-Werkstätten (USHMM) Junge an einer Werkbank (USHMM) Männer in der Sattlerei (USHMM)

Deporation nach Estland (kehilalink)Im Juni 1943 lösten SS-Einheiten auf Befehl Himmlers alle Ghettos im „Reichskommissariat Ostland“ (RKO) auf. Unter der Leitung des SS-Obersturmbannführers Wilhelm Göcke wurde das Ghetto in Kaunas im September zum zentralen Konzentrationslager mit zahlreichen kleineren Lagern am Rande oder außerhalb von Kaunas umorganisiert und unterstand nun der SS. Die Massenmorde setzten erneut ein: Am 26. Oktober 1943 erfolgte die sog. „Estland-Aktion“, bei der ca. 2.000 arbeitsfähige Gefangene in die Ölschieferlager in Estland verschleppt und mehrere hundert nach Auschwitz deportiert wurden. Am 27. und 28. März 1944 kam es zu der„Kinder- und Altenaktion“ mit der Deportation von ungefähr 1.000 Kindern und 300 alten Menschen in die Vernichtungslager nach Auschwitz und Majdanek. Vor dem Beginn der Kindermordaktion war die bis dahin dem jüdischen Ältestenrat unterstehende Ghettopolizei in das IX. Fort geschafft und unter Folter nach Verstecken und Kontakten zum jüdischen Widerstand befragt worden. Fast die gesamte Polizeiführung wurde erschossen, an die Stelle der jüdischen Polizei trat ein der SS unterstehender jüdischer Ordnungsdienst.

Anfang Juli 1944 befanden sich noch etwa 15.000 Juden im KZ Kaunas und in seinen Außenlagern. Wegen des Vormarschs der Brennendes Ghetto während der Liquidierung  (USHMM)Zerstörtes Ghetto (USHMM)Roten Armee begann die bis zum 14. Juli andauernde Auflösung und Zerstörung des Ghettos. Die noch lebenden Gefangenen wurden zum Teil im IX. Fort ermordet, zum Teil auf dem Umweg über das KZ Stutthof in Lager nach Deutschland deportiert. Anschließend wurden die Holzhäuser des Ghettos niedergebrannt, die festen Gebäude mit zahlreichen Verstecken, in denen noch ca. 1.000 Häftlinge lebten, gesprengt. Am 15. Juli verließen die Deutschen das verwaiste Gelände. Diese abschließende Vernichtungs- und Mordaktion überlebten noch ungefähr neunzig Menschen. Am 1. August erreichte die Rote Armee Kaunas.


Gedenkort am ehemaligen Ghetto-Tor

Gedenken

Ehemaliges Ghetto
Von der Jurbarko Straße (Nr. 141) biegt man in die A. Kriščiukaičio-Straße ab. Nach ca. 200m fährt man genau auf das Monument zu, das an der Kreuzung zwischen Kriščiukaičio- und Linkuvos-Straße steht
(GPS 54.90629139 23.88935306 / 54°54.3775'N 23°53.3612'E).
Es hat folgende Inschrift (in Litauisch und Hebräisch): An diesem Ort stand zwischen 1941–1944 das Kaunas Ghetto Tor. 

 

Ehemaliges Ghetto-Krankenhaus
Gedenkstein am ehemaligen Ghetto-Krankenhaus (Holocaust Atlas) Das ehemalige Ghetto-Krankenhaus befand sich in der heutigen Goštauto-Straße. Man gelangt dorthin über die Tilžės-Straße, biegt in die Erdvilo-Straße, folgt dieser ca. 400m, biegt links in die Radvilų Dvaro-Straße, nach ca. 80m rechts in die Kelmės-Straße und am Ende der Straße rechts in die Goštauto-Straße (GPS  54.911950 23.885917 / 54°54.717'N 23°53.155'E).
Vor Haus Nr. 4 auf der linken Seite befindet sich der Gedenkstein mit folgender Inschrift (in Litauisch und Jiddisch): An dieser Stelle stand früher das St. Vincent de Paul Altersheim. 1941 wurde das Kaunas Ghetto-Krankenhaus hier eingerichtet, welches von den Nazis am 4. Oktober 1941 mit allen Patienten und dem medizinischen Personal niedergebrannt wurde. 

 

Literatur / Medien
Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 930-967,1055-1105,1287-1304 (Zitat S. 938 FN 45); Faitelson, Alex: Im jüdischen Widerstand, Zürich 1998; Ganor, Solly: Das andere Leben. Kindheit im Holocaust, Frankfurt/M. 2005; Hidden History of the Kovno Ghetto, hrsg. vom USHMM 1997; Holocaust Atlas 2011, S. 46-47 (Zitat S. 47); Matthäus, Jürgen: Das Ghetto Kaunas und die "Endlösung" in Litauen, in: Benz / Neiss (Hg.): Judenmord in Litauen, Berlin 1999, S. 97-112; Miron, Guy / Shulhani, Shlomit (Hg.): Die Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust, Göttingen 2014, Bd. 1, S. 284-292; Neumann, Alexander: Leben und Sterben im Ghetto Kaunas 1941, in: Bartusevičius u.a. (Hg.): Holocaust in Litauen, 2003, S. 145-170 (Zitat S. 150); Schalkowsky, Samuel (Hg.): The Clandestine History of the Kovno Jewish Ghetto Police, Bloomington/IN 2014; Stahlecker-Bericht (Auszug): in: Klee, Ernst  / Dreßen, Willi / Rieß, Volker (Hg.): "Schöne Zeiten" – Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt/M. 1988, S. 32-35; Tauber, Joachim: Arbeit als Hoffnung. Jüdische Ghettos in Litauen 1941–1944, Berlin 2015; Tory, Avraham: The Great Action in the Kaunas Ghetto, a memoir. October 28, 1941, in: Levinson, Joseph (Hg.): The Shoa in Lithuania, Vilnius 2006, S. 78; Wette 2011: Karl Jäger, S. 116-117 (Jäger-Bericht im Anhang o.S., zit. Blatt 5)


Foto Nachweise
http://kehilalinks.jewishgen.org/kovno/kovno.html (Foto Judenrat / Deporta
http://VilNews (Foto Ghetto-Verbindungsbrücke, Abb. Ghetto-Plan)
https://www.ushmm.org/exhibition/kovno/labor (Foto Ghetto-Tore)
https://www.fold3.kovno ghetto (Fotos Ghetto-Häuser u.  Rückkehr der Zwangsarbeiter)
https://www.ushmm.org/exhibition/kovno/labor/map (Abbl. Plan Zwangsarbeit Einsatzorte)
https://www.ushmm.org/exhibition/kovno/labor/map (Abb. Plan Ghetto-Werkstätten)
USHMM / Pola Musel, Photograph 89142 ("View of women at work in a workshop in the Kovno ghetto, 1942–1944.")
USHMM / George Kadish, Photograph 81181 ("A boy works at a machine in a Kovno ghetto workshop, 1942–1944.")
USHMM / George Kadish, Photograph 88805 ("View of the ruins of the Kovno ghetto after its liquidation, ca. August–October 1944.")
USHMM / George Kadish, Photograph 81132 ("Burining of the Kovno ghetto during liquidation, August 1944.")
USHMM / Photograph 10815 ("View of Jews at work in the saddle making workshop in the Kovno ghetto. 1943.")
http://www.holocaustatlas (Foto Ghetto-Krankenhaus)