Neue Gedenkstätte auf dem CampusDie in der Innenstadt von Thessaloniki angesiedelte Aristoteles-Universität ist mit ca. 81.500 Studenten die größte Universität Griechenlands. Der Campus befindet sich auf dem Gelände des früheren, vier Jahrhunderte alten jüdischen Friedhofs. Dieser, mit über 300.000 Gräbern einer der größten jüdischen Friedhöfe der Welt, wurde der Jüdischen Gemeinde unter der deutschen Besatzung von Kriegsverwaltungsrat Dr. Max Merten abgepresst.

Die Ereignisse
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, noch unter türkischer Herrschaft, behinderte der 324.000 qm große - bei Errichtung noch außerhalb der Stadtmauern gelegene - jüdische Friedhof die Ausweitung Thessalonikis nach Südosten. Danach kam es immer wieder zu Versuchen der Stadtverwaltung, das weitläufige Areal für den geplanten Bau der Aristoteles-Universität zu beanspruchen. Dass die beiden Parteien sich nicht einigen konnten, lag daran, dass die jüdische Religion nicht erlaubt, menschliche Überreste zu exhumieren.

GedenktafelnDieses attraktive Bauland kam wieder ins Spiel, als sich herausstellte, dass die vorwiegend im Straßenbau unter unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen eingesetzten ca. 3.500 jüdischen Zwangsarbeiter, die am 11. Juli 1942 auf dem Eleftheria-Platz rekrutiert worden waren, nicht effektiv genug waren („die Straßen nicht schnell genug bauten“, Molho, S. 23). In Verhandlungen mit der jüdischen Gemeinde bot Kriegsverwaltungsrat Dr. Max Merten an, die Männer gegen Zahlung von 3,5 Milliarden Drachmen aus der Zwangsarbeit zu entlassen. Da die jüdische Gemeinde diesen großen Betrag nicht vollständig aufbringen konnte, wurde auf Vorschlag des von den Deutschen eingesetzten Generalgouverneurs Makedoniens, Vassilis Simonidis, das Friedhofsareal in die Verhandlungsmasse aufgenommen: Gegen dessen Überlassung und die Zahlung von 2,5 Milliarden Drachmen wurde die Zwangsarbeitspflicht - die bis zu diesem Zeitpunkt bereits ca. 400 Tote gefordert hatte - im Oktober 1942 wieder aufgehoben.
Am 6. Dezember 1942 erschienen hunderte von Arbeitern auf dem Areal und zerstörten den Friedhof mit beeindruckendem Eifer. Die Grabsteine wurden als Baumaterial in der Stadt verwendet, einige sogar zum Bau eines Schwimmbades für deutsche Offiziere“ (Molho, S. 67).
Nur einige wenige Grabsteine konnten gerettet werden. Sie befinden sich heute im Jüdischen Museum von Thessaloniki und auf dem neuen jüdischen Friedhof.

Das Gedenken
Die Aristoteles-Universität, die auf diesem Areal errichtet wurde und damit „500.000 Leichen im Keller“ (Eberhard Rondholz) hat, weigerte sich jahrzehntelang, wenigstens eine kleine Gedenktafel auf dem Campus anzubringen. Die kleine jüdische Gemeinde Thessalonikis befürchtete zurecht, dass auf den Holocaust der „Mnemozid“, die Auslöschung der Erinnerung, folgen sollte.
Erst seit dem 9. November 2014 existiert auf dem Campus eine Gedenkstätte zur Erinnerung an den alten Jüdischen Friedhof. Geplant ist zudem, an der Universität erstmals einen Lehrstuhl für jüdische Studien einzurichten, an dessen Finanzierung sich allerdings auch die jüdische Gemeinde beteiligen muss.

Literatur / Medien:
Molho, Rena/ Hastaoglou-Martinidis, Vilma: Jüdische Orte in Thessaloniki – Ein historischer Rundgang, Athen 2011; www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12112; www.deutschlandfunk.de/aus-dem-gedaechtnis-verschwunden.795.de.html?dram:article_id=118996; www.cemog.fu-berlin.de/newsletter/newsletter-archiv/cemog-newsletter-02/editorial.html (Rede des Bürgermeisters von Thessaloniki zur Enthüllung der neuen Gedenkstätte)