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Korsika (Corse / Corsica)

(frz.: Corse; korsisch: Corsica)

Hauptort: Ajaccio

Einführung
Die Insel hat 305.000 Einwohner/innen (manche Angaben liegen z.T. wesentlich niedriger) in den zwei Departements Corse-du-Sud (Ajaccio) und Haute-Corse (Bastia), im Zweiten Weltkrieg waren es etwa 200.000 Menschen, es gab nur ein Departement „Corse“. Jahrhundertelang wurden Korsika von fremden Herren regiert (u.a. Pisa, Genua). Es schloss sich 1789 Frankreich an. Das faschistische Italien meldete mehrfach Ansprüche auf Korsika an. Gegenüber den Drohungen von Mussolini schworen tausende von Korsen in 1938 Bastia: Wir leben und sterben als Franzosen.

Piana: Calanche-Felsen „Der Pfarrer“ (© Pierre Bona, Wikipedia) Zonza mit Bavella-Spitzen (© Phlippe.Dollé, Wikipedia) Bonifacio auf Kreidefelsen (© Gabridelca, Wikipedia)

Weltkrieg, Waffenstillstand, Vichy-Regime
Im Juni 1940 flog die italienische Luftwaffe  Angriffe auf korsische Häfen, Flugplätze, Städte und Dörfer (vgl. Zonza, Museum). Gemäß dem italienisch-französischen Waffenstillstand wurde Korsika nicht besetzt, in Ajaccio residierte aber eine Abteilung der italienischen (und der deutschen) Waffenstillstands-Kommission.
Auf anti-italienische Proteste reagierten Vichy-Regierung und ihr Präfekt sehr nervös und versuchten, sie zu unterbinden („Italien nicht provozieren“). Die Anfänge der korsischen Résistance gehen auf Juli 1940 zurück: Commandant J.-P. Pietri rief die Korsen zum Widerstand auf (vgl. San-Gavino-di-Carbini). Im Frühjahr 1941 besprach Pierre Georges mit korsischen KPF-Führern die Idee einer Front National (FN) – sie wurde später zur wichtigsten Résistanceorganisation;  Fred Scamaroni prüfte im Auftrag de Gaulles den Aufbau eines Widerstandsnetzes; kleine Combat-Gruppen entstanden.
Anders als auf dem französischen Festland gab es keine „Arisierung“ jüdischen Besitzes und keine Razzien gegen ausländische Juden. Ein jüdischer Flüchtling wurde von Vichy-Behörden in Ajaccio verhaftet und über das Lager Drancy bei Paris in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.

Turm des U-Boots Casabianca auf Pl. Saint-Nicolas, Bastia Plakat für Louis Frediani, Ajaccio Strand von Arone und Capu Rossu, Piana (© flickr.com)

Italienische Besatzung ab November 1942
Nach der alliierten Landung in Nordafrika besetzten 80.000 italienische Soldaten die Insel (parallel zur deutschen Invasion in Südfrankreich und der italienischen Besetzung Südostfrankreichs; vgl. Italienische Besatzung). „Vor dem verhängnisvollen 11. November gab es nur schüchterne Versuche zur Gründung einer Verweigerungsfront,  doch der Widerstand blieb eher ein Wunschtraum als eine Realität. Das änderte sich am 11. November“ (Artur Giovoni). Die noch kleine Widerstandsorganisation Front National (FN) wollte die abwartende Haltung der Inselbewohner überwinden. Sie informierte die Menschen und klärte über Hintergründe auf, u.a. mit Flugblättern, rief zu Aktionen und zeigte Perspektiven des eigenen Handelns auf, sie verband Tagesforderungen mit politischen Zielen. Ein Beispiel: Als der Inselpräfekt die schon knappen Brotrationen kürzte und damit die Ernährungslage drastisch verschärfte, rief die FN im Frühjahr 1943  unter der Parole „Für Brot und Freiheit“ zu Hunger-Demonstrationen und Streiks auf, z.B. in Bastia. Die Besatzung trieb viele junge Männer in den  Widerstand. In vielen Dörfern und Städten entstanden Gruppen der FN, die bald  anders als auf dem Kontinent  Menschen aller politischen Orientierungen umfasste. Von Algier aus wurde Paulin Colonna d'Istria auf die Insel geschickt mit dem Auftrag, das Spionagenetz auszubauen, dem Widerstand Waffen zu liefern und ihn zu einen; mit dem U-Boot „Casabianca“ wurden Verbindungsleute und Waffen an Land gebracht und an die FN verteilt (vgl. Cargèse, Casta, Piana, Solaro). Bei den Hausfrauen- und Schülerprotesten in Bastia und einem Trauerzug für den erschossenen Eisenbahner Louis Frediani in Ajaccio, an dem 2.000 Menschen teilnahmen, wagten die italienischen Behörden nicht, einzugreifen.
Korsische Besonderheiten gegenüber Festland-Frankreich waren u.a.: Im Rahmen des STO wurde keiner zur Zwangsarbeit außerhalb der Insel geschickt (vgl. Bocognano). Die Italiener wiesen einem Teil der Juden das entlegene Dorf Asco als Zwangswohnort zu, sie haben aber niemanden deportiert.
Die Repression erfolgte durch Carabinieri; gefürchtet waren die Schwarzhemden und die Geheimpolizei OVRA. Sie zerschlugen im Frühjahr 1943 Widerstandsgruppen (meist in den Städten), folterten systematisch Verdächtige, z.B. Fred Scamaroni, der sich in der Zitadelle von Ajaccio das Leben nahm, um nicht auszusagen. Sie führten auch „Durchkämmungsaktionen“ auf der Suche nach Patrioten (z.B. in der Casinca, vgl. Porri) und Repressalien durch, z.B. gegen die Bevölkerung von Petreto-Bicchisano. Insgesamt wurden 37 korsische résistants hingerichtet und 465 deportiert – nach Elba oder in norditalienische Gefängnisse und Lager; manche wurden von dort aus durch die Deutschen in Konzentrationslager verschleppt.

Sturz Mussolinis, Kapitulation
Der Sturz Mussolinis und die alliierte Landung in Sizilien im Juli 1943, die Entsendung von bis zu 14.000 SS-Männern der „Sturmbrigade Reichsführer SS“ und vor allem der  italienisch-alliierte Waffenstillstand, der am 8. September 1943 bekannt wurde, änderten die Lage grundlegend.
In der Befreiungsfront FN führte der Sturz Mussolinis zu Überlegungen, verstärkt Kontakt zu Antifaschisten in der italienischen Armee  zu suchen. Einmal wegen aktueller Informationen (es kam u.a. eine Verbindung mit dem Führer der Schwarzhemden (!) in Bastia zustande); zum anderen mit Blick auf die Frage, wie sich die Italiener nach der evtl. Kapitulation verhalten würden: neutral oder an der Seite der Résistance gegen die Deutschen.
Die Aufgaben der deutschen Verbände waren unklar – es sollten ab 8. September außerdem tausende Soldaten der 90. Panzergrenadierdivision mit Panzern und schwerem Gerät aus Sardinien nach Korsika kommen. Es gab zwar deutsche Pläne, Korsika zu besetzen. Sie wurden aber bald aufgegeben, weil die Truppen auf dem italienischen Schlachtfeld gegen die im Golf von Salerno bei Neapel gelandeten Alliierten dringend benötigt wurden.


Partisanen im Sartenais (© ANACR 2A) Haus der Familie F. Vittori, Porri Frauen in der Résistance


Die FN diskutierte – anknüpfend an ihre Maxime „Die Befreiung Korsikas muss in erster Linie das Werk der Korsen selbst sein“ (vgl. Porri) – darüber, für den Fall einer italienischen Kapitulation die Bevölkerung zum Aufstand und zum Kampf um die Befreiung aufzurufen. Sie bemühte sich um Unterstützung des französischen Befreiungskomitees (CFLN); Artur Giovoni, ihr politische Führer, wurde mit diesem Auftrag Anfang September nach Algier entsandt. General Giraud kündigte verstärkte Waffenlieferungen an, warnte aber vor „voreiligen Maßnahmen“. Gründe für ihn: Einmal war die alliierte Priorität die Landung in Italien (vgl. Alliierte). Zum anderen hatte er – wie auch de Gaulle, der offenbar in die Gespräche nicht eingebunden war – eine grundsätzliche andere Sicht von der Rolle der Résistance: Sie sollte im Fall einer frz.-alliierten Landung eine Art Hilfstruppe für die Militärs bilden, aber nicht eigenständig handeln; zudem waren ihm die politischen Nachkriegsziele der FN und der KPF suspekt.

Volksaufstand und Befreiung Korsikas im September/Oktober 1943
In dieser Situation entschied sich die FN, nicht länger auf eine Landung bzw. Befreiung von außen zu warten, sondern mit einem Volksaufstand einen entscheidenden Schritt zur Befreiung selbst zu tun. Nach Bekanntwerden der italienischen Kapitulation am 8. September wurde er am 9. September in Ajaccio und den meisten anderen Orten ausgerufen, Vichy-treue Bürgermeister abgesetzt und vielfach die Italiener zum Handeln auf der Seite der Résistance aufgefordert. Ajaccio war noch am selben Abend frei, nachdem die deutsche Garnison vor der Stadt von den Partisanen gestoppt worden war und übers Meer die Gegend verlassen hatte. In Sartène hatten deutsche Soldaten am 10. September in die Versammlung auf dem zentralen Platz geschossen, waren aber am 15. September nach Kämpfen abgezogen. Im Alta-Rocca-Gebiet um Levie verhinderten Partisanen aus verschiedenen Dörfern in mehrtägigen Kämpfen Mitte September den Vorstoß eines großen deutschen Konvois zur Westküste mit dem Ziel, den Landgang weiterer frz. Einheiten oder gar eine evtl. alliierte Landung zu verhindern.

Zitat de Gaulle, Ajaccio Der neue Bürgermeister nach der Befreiung, Levie (Quelle: http://tousbanditsdhonneur.fr) Widerstandsdenkmal am Hafen, Ajaccio

Die von General Giraud geschickten – nach Gelingen des Aufstands in Ajaccio, am 11./12. September an Land gegangenen – freifranzösischen Soldaten (1. Stoßbataillon) griffen ab Mitte September in die Befreiungskämpfe ein. Die am 8. September in Bonifacio gelandete deutsche 90. Panzerdivision wurde auf ihrem Marsch an der Ostküste nach Bastia immer wieder von kleinen Partisanengruppen und freifranzösischen Soldaten in einer Art Guerillataktik angegriffen (vgl. Conca, Champlan, Ghisonaccia, Sorbo-Ocagnano). In Bastia hatten korsische Patrioten und italienische Soldaten am 9. September wichtige Gebäude, Straßen und Plätze besetzt, die Deutschen hatten aber die Stadt zurück erobert. Nach heftigen Kämpfen erreichten freifranzösische Verbände (FFL, 1. Stoßbataillon, marokkanische Goumiers; vgl. San Stefano und Teghime) und Patrioten die Stadt, die von den Deutschen Richtung Italien verlassen wurde. Am 4. Oktober war ganz Korsika befreit, als „erstes Stück französischen Bodens“ (de Gaulle), durch die Résistance, freifranzösische Truppen und mit Unterstützung italienischer Soldaten.
Die Bilanz (nach Angaben der korsischen Behörden): Während der Besetzung und der Befreiungskämpfe kamen 170 korsische Patrioten um, 300 wurden verwundet; freifranzösische Truppen hatten 75 Tote und 239 Verwundete zu beklagen; bei den italienischen Verbänden gab es 637 Tote und 557 Verletzte (darunter viele während der Befreiung), bei den Deutschen 450 Tote, 600 Verwundete und 400 Gefangene.

Nach der Befreiung
Nach der Befreiung war der Krieg für die Korsen nicht zu Ende. Die Flugplätze der Insel dienten den Alliierten beim Krieg in Italien und bei der Landung in der Provence als „Flugzeugträger USS Corsica“. Viele Korsen wurden in die französische Armee einberufen oder gingen freiwillig und trugen zur Befreiung Frankreichs bei – sowie zur Befreiung Deutschlands von den Nazis. Viele der nach dem Volksaufstand ernannten neuen Bürgermeister und neugeschaffenen Institutionen wurden bald ersetzt – teils unter der Parole „Wiederherstellung der republikanischen Legitimität“, teils weil de Gaulle einen zu starken kommunistischen Einfluss befürchtete. Damit wurden auch – in der breit aufgestellten Front National begonnene – Anfänge von politischem Handeln jenseits der traditionellen Clan-Verbindungen zurückgedrängt (Choury).

Gedenkorte
Ajaccio, AscoBarchetta, Bastia, BocognanoBonifacioCagnano, Calvi, Carbini, CargèseCastaChamplan / Campo Piano, Chisa, ConcaCorteCoti-ChiavariCrocicchia, GhisonacciaIsolaccio-di-Fiumorbo, LevieLuriMarignana, Olmeto, Petreto-Bicchisano, PianaPiedicorte-di-Gaggio, PiedicrocePorriPorto-Vecchio, Propriano, Prunelli-di-FiumorboQuenzaRapaleSaint-Florent, San-Gavino-di-Carbini, San-Stefano (Col de)Santa-Reparata-di-Moriani, SartèneScolcaSerra-di-FerroSio (Col de), Solaro, Sorbo-Ocagnano / Querciolo, Sotta, Teghime (Col de)TivolaggioViggianello, Zonza.

Dank/Remerciements
Danke vielen Bewohner/innen korsischer Dörfer und Städte, der Leiterin und den Teilnehmer/innen der Studienreise „Auf den Spuren des korsischen Widerstands“. Grazie et un bien grand Merci à Ysaline Amalric-Choury ainsi qu'à  Antoine Poletti, Sixte Ugolini et Pierre Romani de l'ANACR 2A resp. ANACR 2B.
Texte nach dem Stand von September 2013.

Tourismusbüro
L'Agence du Tourisme de la Corse, 17 Boulevard du Roi Jérôme, F-20181 Ajaccio Cedex 01; E-Mail: info@cic-atc.com ; Internet: www.visit-corsica.com

Literatur/Medien
Battistini, Roberto / Ferranti, Marie: Corse 1943 – Les combattants de la liberté, Ajaccio 2013 (vgl. auch Webseite www.corse-1943-les-combattants-de-la-liberte.fr/)
Chaubin, Hélène: La Corse à l'épreuve de la guerre 1939–1945, Paris 2012
Choury, Maurice: Tous bandits d'honneur! La résistance en Corse (Juin 1940 – Octobre 1943), erweiterte Neuausgabe,  Ajaccio 2011 (Erstauflage Paris 1958); (vgl. auch Webseite http://tousbanditsdhonneur.fr)
Résistance et Libération de la Corse. 1943–1993, 50ème Anniversaire (Hg. Collectivité Territoriale de Corse et al.), Ajaccio 1993
Dictionnaire historique de la résistance, Paris 2006, S. 280f., 628f.
Petit futé. Guide des lieux de mémoire, Paris 2005, S. 107ff.; Aufl. 2012/13, S. 70ff.
www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/befreiung-korsikas-9-september-bis-4-oktober-1943  (dt.)
www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/september-1943-die-befreiung-korsikas (dt.)
http://museedelaresistanceenligne.org/expo/expo.php?id_expo=74 (Widerstand und Befreiung Korsikas, virtuelle Ausstellung)
http://fr.wikipedia.org/wiki/Lib%C3%A9ration_de_la_Corse
www.curagiu.com/resistance.htm
www.resistance-corse.asso.fr
www.la-corse.org/anacr2b/  (Internetseiten von ANACR 2A Corse-du-Sud (Ajaccio) und ANACR 2B Haut-Corse (Bastia)
www.resistance-corse.asso.fr/fr/mediatheque/biographies/: Kurzbiographien korsischer Widerstandskämpfer/innen, u.a. N. Benielli, D. Casanova, M. Choury, P. Colonna d'Istria, P. Giaccobbi, J.-P. Giovanni, A. Giusti, P. Griffi, D. Lucchini, J. Mondoloni, F.-M. Pietri, J. Santarelli, F. Scamaroni, F. Vittori