Region Piemont / Provinz Cuneo

Gedenkstätte am Bahnhof Borgo San DalmazzoDer Ort
Die Stadt in der Provinz Cuneo (gegenwärtig ca. 12.000 Einwohner/innen) liegt an der Bahnlinie TurinCuneo–Ventimiglia–Nizza und am Zugang zu drei Alpentälern, die nach Frankreich führen. S. Dalmazzo ist von Norden über die Autobahn A 6 oder über die SS 393 Richtung Cuneo erreichbar, und liegt von dort ca. 10 km weiter südwestlich (ausgeschilderte Verkehrshinweise „Memoriale della Deportazione“)

 

Die Ereignisse
Nach Hinweisen aus der italienischen Verwaltung auf die hohe Zahl Zuflucht suchender Juden erging am 18. September 1943 der öffentlich ausgehängte Befehl des Ortskommandanten von Borgo S. Dalmazzo, Hauptmann der Waffen-SS Müller, alle auf dem Territorium der Stadt und der Umgebung befindlichen "Ausländer" hätten sich in der örtlichen Alpini-Kaserne einzufinden.  Ca. 350 jüdische Flüchtlinge aus dem südfranzösischen Saint-Martin-de-Vésubie, die über den Alpenhauptkamm in das Valle Gesso geflohen waren, wurden daraufhin in einer leer stehenden Kaserne in der Nähe des Bahnhofs festgesetzt, die auf deutschen Befehl als  Konzentrationslager eingerichtet worden war. Die  Leitung des Lagers lag zunächst bei der Waffen-SS, später bei der italienischen Polizei. Im November 1943 wurden 329 dieser Häftlinge auf den Bahnhofvorplatz gebracht und in Viehwaggons verladen. Über Nizza wurden sie auf dem Umweg über das Lager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert. Lediglich 18 von ihnen  haben überlebt. Zwischen Dezember 1943 und Februar 1944 wurden weitere 26 Juden in die Kaserne gebracht und am 15. Februar 1944 über das Lager Fossoli di Carpi bei Modena in deutsche Vernichtungslager deportiert. Nur zwei von ihnen haben überlebt. (Judenverfolgung in Italien

Das Lager in Borgo San Dalmazzo (Foto: Istituto Storico Cuneo)

Hintergrund
Nach dem Kriegsaustritt Italiens am 8. September 1943 strömten nicht nur italienischen Soldaten aus der von Italien besetzten Zone in Südfrankreich in das südliche Piemont. Auch zahlreiche Juden unterschiedlicher Nationalität flohen aus dieser Zone über die Alpen und suchten u.a. in der Region um Cuneo Zuflucht vor der Verfolgung durch die Deutschen, die in dem jetzt deutsch besetzten Teil Südfrankreichs einsetzte. Gleichzeitig übernahmen Wehrmacht, SS und Gestapo – neben der faschistisch-italienischen Administration – die Herrschaft auch im Piemont. Die Verantwortung für die zweite der Deportationen aus Borgo S. Dalmazzo lag bei der italienischen Polizei. Die örtliche Bevölkerung, vor allem der Priester Don Raimondo Viale, unterstützten die Lagerinsassen heimlich, versteckten und versorgten Geflohene. In Verbindung mit DELASEM konnten fast hundert Menschen gerettet werden. Don Raimondo Viale wurde 2000 von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Nach der zweiten Deportation wurde das Lager in Borgo S. Dalmazzo geschlossen, später festgenommene Juden wurden in Turiner Gefängnisse und danach vermutlich über das Lager Fossoli in deutsche Vernichtungslager gebracht.
"Am frühen Morgen nach dem Bekanntwerden des Waffenstillstands machten sich (in Saint-Martin-Vésubie, im Hinterland von Nizza - Red.) die ersten auf den Weg. In den nächsten vier Tagen folgten ihnen zwei Drittel aller Internierten, die sich, beladen mit dem Notwendigsten, in auseinandergezogenen Gruppen zum Colle delle Finistre und zum Colle Ciriega emporbewegten - aus der Ferne prägte sich einem Augenzeugen das Bild eines >biblischen Zuges< ein... Ein geübter Geher konnet die ganze Strecke bis in das Tal in acht bis neun Stunden zurücklegen. Die Gebrechlichen, die Geschwächten, die Frauen und Kinder benötigten häufig Ruhepausen ... Viele waren so erschöpft, dass sie in den ersten Ortschaften im Val di Gesso, Entraques, Valdieri und Borgo San Dalmazzo Unterkunft suchten, die ihnen von der einheimischen Bevölkerung bereitwillig gewährt wurde" (Voigt, Band 2,  S. 337 f.).  

   

Gedenken
Mit einem 1996 errichteten, eindruckvollen Denkmal (Memoriale della Deportazione) am Bahnhof erinnert die Stadt Borgo S. Dalmazzo an die Opfer der beiden Deportationen. Vor den beiden für die Transporte symbolischen Waggons werden alle Namen, auch das Alter und die Herkunftsländer der Opfer genannt. Die hoch aufgerichteten Namen stehen für die wenigen Überlebenden, auf den in den Boden eingelassenen Metallbändern sind die Namen der in den Lagern Ermordeten eingraviert. Der deutsche Text der mehrsprachigen Informationstafel am Denkmal lautet:


Wanderwege
Im Rahmen des Projekts „Gedächtnis der Alpen“ (La memoria delle Alpi) wurde in den letzten Jahren ein Netz von Wanderwegen (sentieri) ausgebaut („Wanderwege auf den Spuren der Freiheit“ und „Wanderwege auf den Spuren der Partisanen“), die auf die Wege der Flüchtlinge und der Partisanen in den Bergen führen und neben der landschaftlichen Schönheit auf Informationstafeln die Geschichte des Widerstands und der Verfolgung zeigen (siehe: Valle Gesso). Karten sind in den örtlichen Touristenbüros, in Rathäusern und in örtlichen „Centri Storici“ oder „Istituti Storici“ (Geschichtszentren oder -institute) zu erhalten.       

Informationen: Istituto Storico della Resistenza in Cuneo e provincia, Palazzo della Provincia, argo Barale 11, Cuneo, Tel. 0171444830, e-mail: info@istitutoresistenzacuneo.it; e-mail: isrcnp@cuneo.net, www.istitutoresistenzacuneo.it/

Literatur/Medien:
Bade, Sabine und Mikuteit, Wolfram: Partisanenpfade im Piemont. Wege und Orte des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch. Konstanz 2012; Voigt, Klaus: Zuflucht auf Widerruf – Juden und andere Verfolgte des Hitlerregimes in Italien 1933–45, 2. Bd., Stuttgart 1993, S. 337 ff.; Touring Club Italiano (Hg.): I Sentieri della Libertà. Piemonte e Alpi occidentali. 1938–1945. La Guerra, la Resistenza, la persecuzione razziale. A cura di Livio Berardo. Milano 2007, S. 192 ff.; Voigt, Klaus: Zuflucht auf Widerruf – Juden und andere Verfolgte des Hitlerregimes in Italien 1933–45, 2. Bd., Stuttgart 1993; S. 337 ff.; www.comune.borgosandalmazzo.cn.it/citta/monumenti.html; it.wikipedia.org/wiki/Stazione_di_Borgo_San_Dalmazzo; it.wikipedia.org/wiki/Campo_di_concentramento_di_Borgo_San_Dalmazzo; it.wikipedia.org/wiki/Borgo_San_Dalmazzo; www.rivolidistoria.it/Lavori_Scuole/CD%20Testimoni/Testimoni/Cavaglion/San_Dalmazzo.htm (historisches Foto)