Region Vilnius

Der Ort
Die Kreisstadt mit heute ca. 6.000 Einwohnern, eine der ältesten Städte Litauens und nur wenige Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt, gehörte bis zur Errichtung der Sowjetrepublik Litauen (1940) zu Polen. Die damalige Mehrheit der Einwohnerschaft war polnisch, zwischen 2.000 und 3.000 Juden bildeten eine starke Minderheit. In der Stadt gab es fünf Synagogen, mehrere jüdische Schulen und kulturelle Einrichtungen. Švenčionys erreicht man auf der Straße Nr. 102 von Vilnius aus nach ca. 65km.

Die Ereignisse
Denkmal am Ort des ehemaligen GhettosNach dem Einmarsch zog sich die Rote Armee und Angehörige der sowjetischen Verwaltung fluchtartig nach Russland zurück. Die Litauer, die der Roten Armee angehört hatten, desertierten, lieferten sich Gefechte mit den abziehenden sowjetischen Truppen und wandelten sich zu Aufständischen. Deutsche Einheiten erreichten Ende Juni 1941 Švenčionys, überließen jedoch Verwaltung und Polizei litauischen Nationalisten. Sie begannen mit Verfolgung und Mordtaten an Kommunisten und an Mitarbeitern der bisherigen sowjetischen Administration, vor allem mit Drangsalierung und Gewalttaten gegenüber den Juden der Stadt: in der Nähe von Cirkliškis, einem Vorort von Švenčionys, wurden Anfang Juli ungefähr 40 junge Juden getötet, Mitte Juli folgte ein weiterer Massenmord an etwa 100 jüdischen Männern der Stadt. Horst Wulff, seit Anfang August Gebietskommissar für die Region Vilnius-Land (Reichskommissariat Ostland), ordnete im September die Errichtung eines Ghettos im traditionell von Juden bewohnten Stadtteil an. Dort verblieben in der Folgezeit nur einige hundert jüdische Frauen und Männer, die zu Zwangsarbeit in Betrieben, auf den Straßen der Stadt und in Wäldern und Landwirtschaft eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu den Ghettos in Vilnius und Kaunas entwickelte sich in diesem Ghetto kein kulturelles Leben. Die große Mehrheit der jüdischen Familien aus Švenčionys wurde Ende September auf einen Truppenübungsplatz bei Švenčionėliai, ungefähr 11 Kilometer von Švenčionys entfernt, deportiert und dort Anfang Oktober 1941 unter Führung des SS-Einsatzkommandos 3 und des Sonderkommandos Vilnius in einer zwei Tage andauernden Massenexekution umgebracht.

Im Sommer 1942 befanden sich im Ghetto von Švenčionys selbst noch ungefähr 550 Häftlinge. Als bis Frühjahr 1943 die Aktivitäten von Partisanengruppen in Ostlitauen immer stärker zunahmen, entschieden Besatzungsverwaltung und SS-Sicherheitspolizei, alle in der Region bestehenden Arbeitslager und Ghettos aufzulösen. Die Ghetto-Häftlinge von Švenčionys wurden mit mehreren tausend Juden aus den kleinen Ghettos und Arbeitslagern Ostlitauens in einer Großaktion in die weiter westlich gelegenen Ghettos von Vilnius oder Kaunas und in andere Arbeitslager geschafft. Der größte Teil von ihnen wurde jedoch zum Massenmordplatz Paneriai gebracht und beim Verlassen der Transportwaggons von litauischen Hilfstruppen unter dem Kommando von Martin Weiß (SS-Einsatzkommando 3) noch auf dem Gelände vor dem Bahnhof Paneriai und an den Gruben im nahe gelegenen Wald massakriert. Über diese Mordaktion berichtete die SS-Sicherheitspolizei: das von Partisanen bedrohte Gebiet an der weißrussischen Grenze sei nun „judenfrei gemacht worden“, die „nicht einsatzfähigen Juden – rund 4.000 – wurden am 5.4.1943 in Paneriai bei Wilna sonderbehandelt“ (zitiert nach Dieckmann). Von diesem Zeitpunkt an bestanden in Litauen bis zu deren Liquidierung nur noch die drei großen Ghettos in Vilnius, Kaunas und Šiauliai.

Widerstand
Eine Gruppe junger Ghetto-Häftlinge begann im Laufe des Jahres 1942 mit Versuchen, sich Waffen zu beschaffen und mit den in der Umgebung aktiven sowjetischen Partisaneneinheiten Kontakt aufzunehmen. Im Frühjahr 1943 gelang etwa 50 von ihnen der Ausbruch aus dem Ghetto noch vor dessen Auflösung. Sie wurden nach und nach in Partisanenbrigaden integriert. Zu diesen jungen Partisanen gehörte u.a. der nach Kriegsende nach Palästina ausgewanderte Yitzhak Arad, der später zum General der israelischen Armee aufstieg und nach Ende seiner militärischen Laufbahn Historiker und Direktor der Gedenkstätte Yad Vashem wurde.

Gedenken
Gedenkstein für die ehemaligen SynagogenIm zentral gelegenen Park der Stadt erinnern zwei Gedenkorte an das Schicksal der Juden von Švenčionys: eine große Menora-Skulptur aus Holz trägt die Inschrift in Jiddisch und Litauisch: „In Erinnerung an die Märtyrer des Ghettos von Švenčionys.“ Man erreicht den Gedenkort, indem man am Ende des Parks in die Laisvės-Straße in Richtung Kirche einbiegt.

An der gegenüberliegenden Seite des Parks, an der Švenčionėlių-Straße, befindet sich ein Gedenkstein zur Erinnerung an die drei Synagogen des Ortes.

 

Gedenkort Švenčionys Cirkliškis

An die Ermordung der ungefähr 40 jüdischen Männer Anfang Juli in Cirkliškis erinnert ebenfalls ein Gedenkstein. Man erreicht ihn bei der Anfahrt von Vilnius nach Švenčionys auf der Straße Nr. 102 , biegt ca. 150m vor Cirkliškis links auf einen Weg ein, der nach rund 150m zum Gedenkort führt, der von der Straße aus zu sehen ist . Die Inschrift auf Jiddisch und Litauisch lautet: “Hier an diesem Platz töteten die Nazi-Mörder und ihre Helfer im Juli 1944 eine große Gruppe junger jüdischer Männer.“

Literatur / Medien
Bubnys, Arūnas: The Fate of Jews in Švenčionys, Oshmyany und Svir Regions (1941–1943), in: The Ghettos of Oshmyany, Svir, Švenčionys Regions. Lists of prisoners 1942, VGJSM Vilnius 2009, S. 83–118 (hier S. 88ff.); Dieckmann 2011, Bd. 2, S. 906ff., S. 1190-1194; Gabis, Rita: A Guest at the Shooters' Banquet. My Grandfather's SS Past, My Jewish Family, A Search for the Truth, New York 2015; Holocaust Atlas, S. 277–278


http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/83/
http://www.holocaustatlas.lt/EN/#a_atlas/search//page//item/87/
http://kehilalinks.jewishgen.org/Svencionys/svencionys.html
http://www.jewishgen.org/yizkor/svencionys/Svencionys.html
http://jewishnews.com/Testimony Frida Geizeriker