Faschismus in Europa
Der Faschismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine gesamt-europäische Bewegung, hatte aber in Italien seinen Ursprung. In den meisten europäischen Ländern entstanden nach dem Ersten Weltkrieg faschistische Bewegungen und Parteien mit jeweils nationalen Besonderheiten, jedoch in starker Anlehnung an den italienischen Faschismus. In Deutschland war dies die von Hitler geführte nationalsozialistische Bewegung und deren Partei (NSDAP). Alle Bewegungen zeigten markante Gemeinsamkeiten, zu denen vor allem gehörten: Ablehnung der liberalen parlamentarischen Demokratie; Antikommunismus und Antisozialismus; aggressiver Nationalismus; Diskriminierung ethnischer und anderer Minderheiten; Rassismus und Antisemitismus; Führerkult und das Prinzip des bedingungslosen Gehorsams; ideologische Gleichschaltung der Gesellschaft und Verbot der Meinungs- und Pressefreiheit; gewaltsame Unterdrückung der geistigen und politischen Gegner; Verherrlichung des Rechts des Stärkeren und des Krieges. In den dem Ersten Weltkrieg folgenden sozialen und wirtschaftlichen Krisen gelang es den faschistischen Kräften in Italien und Deutschland, Massenbewegungen zu mobilisieren, die noch schwachen parlamentarischen Systeme zu Fall zu bringen und totalitäre Diktaturen zu errichten.

Italienische Entwicklung
Noch während des Ersten Weltkrieges gründete Benito Mussolini, bis 1914 führender italienischer Sozialist, der sich zum Kriegsbefürworter gewandelt hatte, militante Kampfbünde („Fasci di Combattimento“), aus denen 1921 die faschistische Partei „Partito Nazionale Fascista“ (PNF) hervorging. Befördert von der Angst des Bürgertums und der Grundbesitzer vor der "roten Gefahr" entwickelte sich der Faschismus 1920/1921 zu einer Massenbewegung, in der sich einerseits städtischer und  andererseits von den Grundbesitzern unterstützter agrarischer Faschismus vereinigte; er besaß in den "Squadre d'azione fascista" eine "paramilitärische Bürgerkriegsorganisation" (Schieder).  Mit dem von den Schwarzhemden der PNF organisierten „Marsch auf Rom“ (Oktober 1922) erreichte Mussolini, unterstützt von den italienischen Eliten (Monarchie, Militär, Wirtschaftsverbände, Kirche), die Ernennung zum Ministerpräsidenten. Er verstand es, mit Hilfe von Sondergesetzen Italien schrittweise in eine offene Diktatur, den „stato totalitario“ umzuwandeln. Innenpolitisch konnte er den Vatikan durch Vertragsabschlüsse, die die Autonomie der Kirche sicherten, und die Monarchie, die er nicht antastete, neutralisieren. Das Militär – neben Kirche und Monarchie die dritte Säule der „alten“ Gesellschaft – machte er sich zum Verbündeten seiner imperialen Machtpolitik. Ende der 1920er Jahre folgten die Abschaffung der Meinungs- und Pressefreiheit, das Verbot der politischen Opposition, Auflösung der freien Gewerkschaften, schließlich die Etablierung eines vom „Faschistischen Generalrat“ zentral gesteuerten Einheits- und Ständestaates, an dessen Spitze Musssolini, „Il Duce“, stand. In den 1930er Jahren gelang der faschistischen Partei eine weitgehende Durchdringung der Gesellschaft in Form von Massenorganisationen für Kinder, Jugendliche und Frauen, durch eine Vielzahl uniformierter Milizen, durch poluläre Sozialprogramme und Freizeiteinrichtungen - immer vor der Ikone des allgegenwärtigen Duce-Bildes. Diese Massenzustimmung und die mit ihr verbundene Stabilität des Regimes begann nach dem Höhepunkt der Popularität während des Äthiopienkrieges erst mit der Serie militärischer Niederlagen ("Achse" Berlin-Rom, Nordafrika), zunehmenden Versorgungsproblemen und sozialer Konflikte (Streik und Widerstand) zu schwinden und mündete in den Sturz Mussolinis 1943.

Terrorinstitutionen und -organisationen
Der italienische Faschismus schuf sich früh besondere Terrorinstrumente zur Unterdrückung und Verfolgung der Opposition. Hervorzuheben sind:

  • Die 1928 gegründete politische Geheimpolizei OVRA (Opera/Organizzazione Vigilanza Repressione Antifascista),die auch in den italienischen Besatzungsgebieten auf dem Balkan und in Frankreich eine massive Repression ausübte
  • Ein Sondergerichtshof zur Unterdrückung aller seit 1926 verbotenen antifaschistischen Organisationen und Parteien, der drakonische Strafen verhängte
  • Die „Nationale Sicherheitspolizei“ (Milizia Volontaria per la Sicurezza Nazionale/ MVSN), der militärische Flügel der PNF
  • Nach dem Kriegsaustritt Italiens und der Errichtung des Salò-Regimes im September 1943 entstand die GNR (Nationalgarde/Guardia Nazionale Repubblicana), eine Zusammenlegung von Polizei und Carabinieri
  • Im Juli 1944 wurde zur Bekämpfung der Partisanen die „Schwarze Brigade“ (Brigata Nera) mit Zwangsmitgliedschaft für alle faschistischen Parteimitglieder zwischen 16 und 60 Jahren gegründet, deren Einheiten kaum eigenständig, jedoch immer wieder als Kollaborationstruppen bei deutschen Antipartisaneneinsätzen mitgewirkt haben.


Bündnis mit Nazi-Deutschland
Aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Italiens, die sich aus der Weltwirtschaftskrise (1928 ff.), dem völkerrechtswidrigen Kolonialkrieg gegen Abessinien 1935/36 und dem nachfolgenden Handelsboykott ergaben, auch aus der Kollaboration Italiens mit Nazi-Deutschland im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) entwickelte sich eine immer stärkere außenpolitische und ideologische Annäherung an Hitlerdeutschland, die sich zunächst in der gemeinsamen Intervention in den spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos manifestierte. 1938 erließ Italien antijüdische Rassegesetze (Judenverfolgung in Italien), schloss mit Deutschland 1936 ein Grundsatzabkommen, 1939 den sog. Stahlpakt („Achse Berlin-Rom“) und trat 1940 an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg ein (Kriegseintritt). Die Serie militärischer Niederlagen (vgl. Nordafrika, Kriegsaustritt Italiens) führte im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis und zu den 20 Monaten des Vasallenstaates von Salò. Das Salò-Regime und mit ihm der von Nazideutschland unternommene Versuch des Wiederaufbaus eines faschistischen Staatsgebildes sackte unter der Stärke der alliierten Befreiungsarmeen und der Resistenza im April/Mai 1945 in sich zusammen.

Postfaschismus
Eine Auseinandersetzung mit dem lange Zeit von der Bevölkerungsmehrheit getragenen Faschismus hat, bis auf wenige Ausnahmen und Ansätze, in Italien nach 1945 erst spät und nur zögerlich eingesetzt. Mit verantwortlich dafür war viele Jahre lang das programmatische Bemühen vor allem der kommunistischen Partei, an Stelle einer offenen Auseinandersetzung mit dem Faschismus und den gesellschaftlichen Eliten, die ihn getragen haben, die nationale Versöhnung und einen gesellschaftlichen Kompromiss zu suchen. Ganz abgesehen von der jahrelangen Existenz und  Aktivität der neofaschistischen Partei und rechtsextremer Gruppierungen bedeutete dies „...in der Substanz die Weigerung, (den Faschismus) als unsere Geschichte zu betrachten. Es ist eine Blockade, die 1945 beginnt und von zwei Wünschen ausgeht: dem einen, legitimen, eine neue Seite aufzuschlagen; dem anderen, weniger legitimen, die Gewissensbisse und die Komplizenschaften zu begraben, die nicht klein waren in einem Land, dessen Bevölkerung in ihrer übergroßen Mehrheit in das Regime, seinen Gehorsam und seinen Konformismus verstrickt war“ (Giorgio Bocca, zitiert nach Jens Renner, S. 50).

Literatur/ Medien:
Benz, Wolfgang, Graml, Hermann, Weiß, Hermann (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Neubearbeitung. München 2007, Stichwort: Faschismus; Reichard, Sven u.a. Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zum Transfer und Vergleich, Göttingen 2005; Chiellino, Carmine / Marchio, Fernando / Rongoni, Giocondo: Italien. Beck’sche Reihe Länder. 3. Auflage München 1995; Mantelli, Brunello: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus, Berlin 1998; Renner, Jens: Der neue Marsch auf Rom. Zürich 2002; Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 21, Göttingen 2005; Schieder, Wolfgang: Der italienische Faschismus, Beck'sche Reihe, München 2010; de.wikipedia.org/wiki/Italienischer_Faschismus