Schriftgröße A A A

Les Milles

Region Provence-Alpes-Côte-d'Azur, Departement Bouches-du-Rhône

Der Ort 
Südlicher Stadtteil von Aix-en-Provence. TGV-Bahnhof Aix-en-Provence ca. 9 km. Anfahrt von Aix (Rotonde): Bus Nr. 4, 14, 18. Mit dem Auto von Marseille (30 km): A 51 sortie/Ausfahrt 5 →Les Milles village, Schild →mairie annexe folgen, dann Schild →Mémorial folgen.

Ziegeleigebäude (2014)Camp des Milles – Internierungs- und Deportationslager
Das Lager in der Ziegelei hatte unterschiedliche Funktionen, beispielhaft für die Vichy-Politik: Ausschließung, Internierung, Deportation.
Neben dem Hauptlager gab es zahlreiche Nebenlager, z.B. das Hotel Bompard in Marseille (internierte ausländische Frauen mit Kindern) oder Arbeitslager für Ausländer / GTE, z.B. in Forcalqier, Alpes de Haute-Provence (vgl. http://www.campdesmilles.org/histoire-milles-satellites.html).

Internierungslager
Ab 1939 wurden über 10000 Menschen vorübergehend interniert:

  • nach Frankreich geflüchtete republikanische Spanier, später auch Mitglieder der Internationalen Brigaden, die für die spanische Republik und gegen Franco gekämpft hatten (vgl. Retirada);
  • „feindliche“ Ausländer (aus den Staaten der Kriegsgegner Frankreichs), die meisten waren antinazistische Flüchtlinge und Künstler aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Italien; 
  • ein Teil der von Nazi-Deutschland im Oktober 1940 nach Frankreich deportierten Juden aus Baden und der Pfalz;
  • „unerwünschte Personen“ und Oppositionelle (z.B. Kommunisten nach den Verbot der KPF im Spätsommer 1939).

Transitlager
Nach dem deutschen Angriff auf Frankreich (Mai/Juni 1940) wollte der (frz.) Lagerkommandant etwa 2000 Internierte über Bayonne ins Ausland bringen lassen. Der „Geisterzug“ musste jedoch zurückkehren. Die meisten Internierten landeten wieder in Les Milles, in einem Lager aus Zelten nahe Nîmes (Schilderung bei Feuchtwanger a.a.O., S. 81ff. und 145ff.) oder in Gurs.

Als einzigem Internierungslager war es hier für kurze Zeit möglich, legal, halblegal oder mit Unterstützung von Helfern bzw. Hilfsorganisationen eine Ausreise in Länder wie England, Mexiko, USA zu beantragen und zu erhalten (vgl. Obschernitzki, a.a.O.).

Ehem. Schlafsaal (2014): Quelle: marvellous-provence.com Katakombe, Theater der Internierten (Plakat)

Deportations-Güterwagen

Staub und Elend, Chaos und Monotonie
Einer der internierten antinazistischen deutschen Schriftsteller beschreibt die Monotonie der Haft und die Sinnlosigkeit der aufgetragenen Arbeiten (Lion Feuchtwanger, aaO, S. 9f.):
„In einem Ziegelbau waren wir untergebracht, und die Ziegel waren das Merkmal dieser Zeit. Ziegelmauern, durch Stacheldraht gesichert, schlossen unsere Höfe von der schönen, grünen Landschaft nach draußen ab, zerbröckelnde Ziegel waren überall gestapelt, sie dienten uns als Sitze und Tische, auch dazu, das Strohlager des einen von dem des andern abzutrennen. Ziegelstaub füllte unsere Lungen, entzündete unsere Augen. … Wir mussten die Ziegel herumtragen, bald stapelten wir sie hier, bald dort. In Schubkarren fuhren wir sie herum und dann, unter dem Kommando eines Sergeanten, warfen wir sie von Hand zu Hand und schichteten sie in bestimmter Ordnung. Die Arbeit war nicht eben schwer. Das Ärgerliche, Empörende daran war ihre vollkommene Sinnlosigkeit; denn sie war uns nicht aufgetragen zu einem vernünftigen Zweck, man wollte uns lediglich beschäftigen. Wir wussten, wir würden morgen oder übermorgen oder spätestens am dritten Tag die schon errichteten Ziegelstapel wieder zerstören und anderswo neu aufbauen müssen.“

Etwas Abwechselung und Entspannung gab es gelegentlich durch das Katakombe-Kellertheater der Internierten, das in einem stillgelegten Brennofen für Ziegel lag.


Durchgangslager, Deportationen
1942 wurde das Lager zum Deportationszentrum. Im Rahmen des Polizeiabkommens Oberg (SS) – Bousquet (Vichy-Polizei) und der Kollaboration bei der Judenverfolgung in Frankreich hatte das Vichy-Regime die „Lieferung“ von 11000 ausländischen jüdischen Menschen an die deutschen Besatzer versprochen. Nach den Razzien in der Südzone im Juli und August 1942 wurden die jüdischen Menschen in Lagern eingesperrt und in mehreren Wellen den Deutschen übergeben. Etwa 2000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden von Les Milles über das Lager Drancy bei Paris in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Gedenktafel am Tor, Leiden der KinderDie Tafel am Tor beschreibt Szenen beim Abtransport der Kinder, beobachtet von Pastor Henri Manen, dem Seelsorger des Lagers:
„Besonders schmerzhaft war der Anblick der kleinen Kinder. Nach den strikten Befehlen …. mussten alle Kinder über zwei Jahren mit ihren Eltern weggebracht werden. Die vor Müdigkeit in der Nacht und im Frost taumelnden und vor Hunger weinenden ganz Kleinen; kleine brave Männchen von 5 oder 6 Jahren, die versuchten, ein großes Bündel zu tragen und dann vor Müdigkeit hinfielen und auf dem Boden mit ihrem Paket rollten, alle bibbernd in der Kälte der Nacht; junge Väter und Mütter, die still und lange weinten, als sie ihre Unfähigkeit erkannten, ihren Kindern zu helfen.“ 

Gedenktafel für die ermordeten JudenLager wie Les Milles veränderten ihren Charakter: von einem Internierungslager zu einem Transit- und Deportationslager. Der Chef der Judenabteilung der Gestapo in Paris, Theodor Dannecker, zählte nach einer Inspektion am 15. Juli 1942 etwa 1200 Juden, die man deportieren könne. Am 11. August 1942 verließ der erste Transport Richtung Auschwitz. „Von diesem Ort wurden im August und September 1942 mehr als zweitausend jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Lager Les Milles in das Nazi-Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Aus Zentraleuropa geflüchteten Juden oder Juden Frankreichs wurden von der Vichy-Regierung noch vor der deutschen Besetzung der Südzone an die Besatzer übergeben. Unter ihnen waren etwa 100 Kinder und Jugendliche, das jüngste war erst ein Jahr alt. Bewahren wir die Erinnerung. Für heute und für morgen“ (so die Gedenktafel beim Güterwagen).

'Créer pour résister'Interaktive Säulen mit Interviews von ehem. Internierten; Quelle: voyages provence, Wikipedia, CC BY 2.0

Gedenken – Site-Mémorial du Camp des Milles
Das Lager ist noch fast vollständig erhalten. Am 10. September 2012 wurde die Gedenk- und Bildungsstätte „Site-Mémorial du Camp des Milles“ eröffnet. Sie bietet ein breites historisches und kulturelles Angebot mit vielfältiger Präsentation:

  • Geschichte: Erklärung des europäischen, nationalen und regionalen Kontextes; 
  • Erinnerung: Öffnung der historischen Orte der Internierung und Deportation für das Publikum, zahlreiche Zeugnisse, Dokumente, Biografien (siehe interaktive Säulen mit Bildern und Interviews ehem. Internierter);
  • Vertiefung/Nachdenken, z.B. individuelle und kollektive Verantwortung, Passivität oder Einmischung z.B. bei Verletzung der Menschenrechte; 
  • gefördert wird die künstlerische Auseinandersetzung, vgl. Plakat 'Créer pour résister' ('schaffen und widerstehen') – auch in Erinnerung an künstlerische Aktivitäten der Internierten (Theater 'Katakombe'; Gemälde).

Site-Mémorial du Camp des Milles, 40 Chemin de la Badesse, F-13547 Aix-en-Provence; Tel.: 00 33 (0) 4 42 39 17 11; email: [email protected]; internet: www.campdesmilles.org.

Etwa 200-300 Meter außerhalb des Lagers erinnern ein Viehwagen (in solchen Wagen wurden die Menschen in die Vernichtungslager transportiert) und eine Gedenktafel an das Lager und die Deportierten (200 Chemin des Déportés, von der Gedenkstätte über einen Fußweg zu erreichen).


Wandmalereien
Unter den Internierten befanden sich viele Künstler, z.B. Max Ernst. Wahrscheinlich Karl Bodek, Franz Meyer und/oder Max Lingner realisierten im Speisesaal der Wachmannschaften Auftragsbilder zum Thema Essen und Trinken. Die Bilder wurden vor dem Abriss gerettet und restauriert. Ein Bild gibt den Ausspruch von Vichy-Staatschef Pétain wieder: „Helft mir – bildet eine Kette, indem ihr meine Hand ergreift.“ Ein anderes karikiert das 'Letzte Adendmahl'; ein weiterer ironischer Wandspruch: „Sind eure Teller nicht gut gefüllt, so mögen unsere Bilder euren Appetit zügeln.“ 

Wandbild 'Letztes Abendmahl' Wandbild „Helft mir ...“

Literatur/Medien 
Feuchtwanger, Lion: Der Teufel in Frankreich – Erlebnisse. Tagebuch 1940, Frankfurt 1986
Grandjonc, Jacques/Grundter, Theresia (Hg.): Zone d’ombres 1933–1944. Exil et internement d'Allemands dans le Sud-Est de la France, Aix-en-Provence 1990
Obschernitzki, Doris: Letzte Hoffnung – Ausreise. Die Ziegelei von Les Milles 1939–1942: Vom Lager für unerwünschte Ausländer zum Deportationszentrum, Berlin 1999
Petit Futé: Guide des lieux de mémoire, Paris 2006, S. 324f.; Ausgabe 2012/2013, S. 220
Teschner, Gerhard J.: Die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940. Vorgeschichte und Durchführung der Deportation und das weitere Schicksal der Deportierten bis zum Kriegsende im Kontext der deutschen und französischen Judenpolitik, Frankfurt 2002
http://www.memorialmuseums.org/deu/denkmaeler/view/91/Les-Milles-Camp-Memorial
http://de.wikipedia.org/wiki/Les_Milles
http://www.taz.de/!101622/
http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/site-memorial-du-camp-des-milles