Woiwodschaft Großpolen/Wojewod. Wielkopolskie


Der Ort
Żabikowo ist ein Stadtteil von Luboń, einer Stadt von rund 32000 Einwohner*innen (2019), im Süden des Großraums Poznań. 1939-1945 im „Warthegau“, einem von NS-Deutschland annektierten Teil Polens, der Ort wurde umbenannt in Poggenburg.

Die Ereignisse
Auf dem Gebiet unterhielten die Deutschen zwei Lager:
- ein Zwangsarbeitslager für Juden, die bei dem Bau der Autobahn Frankfurt/Oder – Posen eingesetzt wurden (‚Reichsautobahnlager Poggenburg‘, 1941 – 1943) und
- von 1943 bis 1945 ein Arbeitserziehungslager = Straflager der Gestapo im Warthegau in Posen-Lenzingen.

Schild Wachkommando des RAB Lagers Poggenburg*

Reichsautobahnlager Poggenburg
Ab Herbst 1939 planten die deutschen Behörden unter Leitung von Fritz Todt (Generalinspekteur für das Straßenwesen) die Verlängerung der Autobahn über Frankfurt an der Oder hinaus nach Osten: Posen, Lodz, Warschau…. 1941 starteten die ersten Vorarbeiten für die Trassen, Brücken und Viadukte. An 37 Orten wurden Lager für die Arbeitskräfte aufgebaut, außerhalb eines Ortes, meist ohne Sichtkontakt; wie z.B. in Posen-Poggenburg, wie die Deutschen Żabikowo damals nannten. Die große Mehrzahl waren jüdische Zwangsarbeiter; sie wurden aus den Ghettos z. B. von Wieluń oder Sieradz - in anderen Orten viele aus dem Ghetto ‚Litzmannstadt‘ in Lodz - in das RAB-Lager gebracht. Ihren Einsatz auf Baustellen im „Altreich“ auf „reichsdeutschem“ Gebiet setzte Fritz Todt gegen die rassistischen Vorbehalte von Heinrich Himmler und das Reichssicherheitshauptamt durch - im Grunde handelte es sich um eine Vorwegnahme des Systems der KZ-Außenlager. Die Baracken wurden aus vorgefertigten Elementen aufgebaut, im Sommer war es drinnen brüllend heiß, im Winter bitterkalt.

Baracken im RAB Lager Poggenburg*

300 bis 400 Zwangsarbeiter mussten körperlich schwere Arbeiten für die ausführenden deutschen Baufirmen leiste wie etwa Ausschachtungen, Bau einer Schmalspurbahn und Transport von Aushub und Baustoffen in Loren, die von Hand geschoben wurden. Die Arbeitszeit betrug 12 Stunden, dazu kamen Anmarschwege. Wer nicht (mehr) arbeitsfähig war, wurde im nahen Todeslager Kulmhof (Chelmno nad Nerem) umgebracht. 1943 wurden die Arbeiten an der Autobahn eingestellt – wegen der hohen Kosten und des ausbleibenden ‚Blitzsieges‘ gegen die Sowjetunion. Die meisten Zwangsarbeiter wurden in andere Arbeitslager oder Konzentrationslager verfrachtet. Nach der Befreiung wurde das Gelände geräumt und mit Wohnungen und Geschäften bebaut.

Arbeitserziehungslager - Straflager der Gestapo

1943 errichtete die Gestapo Warthegau das „Polizeigefängnis der Sicherheitspolizei und Arbeitserziehungslager in Posen-Lenzingen“ - damals ein eingemeindeter Ortsteil von Posen, heute in Żabikowo. Arbeitserziehungslager waren „KZ der Gestapo.“ Hierhin wurden nach und nach die Gefangenen des Posener Forts VII gebracht.
Sie wurden in acht Holzbaracken hinter einem zweifachen Stacheldrahtzaun unter Starkstrom gefangen gehalten – bis zu 1300 am Tag. Bis 19. Januar 1945 wurden 21624 Namen in das Häftlingsregister eingetragen.

'Fass', 'Arrestzelle' aus geflochtenem Stacheldraht*
Das Lager war vor allem für Polen vorgesehen, doch hielt man auch sowjetische Kriegsgefangene, aus Zwangsarbeiterlagern Geflohene, deutsche Wehrmachtsdeserteure, Luxemburger, Holländer, Ungarn, Slowaken und US-Bürger fest. Stand ihre Strafe noch nicht fest, wurden sie zu Verhören in das „Soldatenheim“ (Sitz der Gestapo) gebracht. Anschließend kamen die meisten in ein KZ; insgesamt gab es 28 Transporte aus Żabikowo in Konzentrationslager.
Bei kleinsten Vergehen wurden Inhaftierte bestraft: eingesperrt in ein Erdloch, einen kleinen Betonbunker, Stehen im sog. Fass aus geflochtenem Stacheldraht oder in den Brandschutzweiher gestoßen. Im Lager wurden Einzel- und Massenexekutionen durchgeführt. So wurden z. B. Soldaten der Heimatarmee, Mitglieder der „Szare Szeregi“ („Graue Reihen“, Widerstandsgruppe der Pfadfinder) und linke Aktivisten aus Großpolen erschossen. Andere starben nach Misshandlungen oder Folter. Ihre Leichen wurden im Krematorium der deutschen Universität Posen verbrannt.
Im Januar 1945 wurde angesichts der näherkommenden Roten Armee die Evakuierung angeordnet. Am 19. Januar erschossen SS-Männer in der „Abgangszelle“ politische Häftlinge. Die letzten Gefangenen wurden in das KZ Sachsenhausen geschickt – anfangs per Bahn, später in Fußmärschen. Nach der Räumung des Lagers wurden die Baracken angezündet. Nach der Befreiung fand man 80 verkohlte Leichen. Urnen mit der Asche wurden nach 1945 nahe dem Gräberfeld polnischer Soldaten auf der Zitadelle in Poznań bestattet (al. Armii Poznan).


Erinnerung und GedenkenDenkmal 'Nie wieder Krieg'

Es gibt zwei Bereiche: Museum und Freigelände, das Teile des ehemaligen Arbeitserziehungslagers umfasst. Im Mittelpunkt steht das Denkmal ‚Nigdy Woiny“/„Nie mehr Krieg“. Gezeigt werden die ‚Wand des Todes‘ (Erschießungs-Ort), der Feuerlöschteich, in den Häftlinge gestoßen wurden, der Stehbunker sowie zahlreiche Gedenktafeln an einzelne Gruppen (Pfadfinder, Soldaten der Heimatarmee, Luxemburger, sowjetische Menschen).

Denkmal für jüdische Zwangsarbeiter

In der Nähe des Museums steht ein Denkmal für die jüdischen Zwangsarbeiter des Reichsautobahnlagers – vor der jetzt fertiggestellten Autobahn A 2, abgeschirmt durch eine Schallschutzwand.
Das seit 1979 bestehende Museum zeigt in zwei Räumen Dokumente, Fotos und Erinnerungen der ehemaligen AEL-Häftlinge sowie – in einer neuen, im Aufbau befindlichen Ausstellung - Dokumente zum Alltag des Autobahnlagers.

*) Foto mit frdl. Genehmigung des Museums

Muzeum Martyrologiczne w Żabikowie / Museum der Märtyrer ZabikowoMärtyreermuseum (von der Straße aus gesehen)
ul. Niezłomnych 2, Luboń; email: [email protected] ; Internet: www.zabikowo.eu
Anfahrt per Auto: Autobahn A 2 Abfahrt Poznań-Komorniki, Schild Centrum/Targi (Zentrum/Messe) folgen, dann Straße rechts Richtung Luboń, nach etwa 400 m, direkt vor der Brücke über die Autobahn, links in eine unbenannten Straße; nach ca. 1 km ist man an der nächsten Brücke vor dem Eingang der Gedenkstätte (Schild ‚Muzeum‘).
ÖPNV: mit einer Tram (z.B. 8) von Zentrum bis Endhaltestelle Górczyn, von dort mit Bus 610 oder 613 Richtung Żabikowo. Haltestelle Unijna, direkt nach der Autobahnbrücke. Von dort über die Brücke zurück, das Museum ist auf der rechten Seite.

(Text: R. Lauterbach – 2015; Ergänzungen und Fotos - Uhh 2020)

Literatur/Medien
Diefenbach, Matthias/Maćkowiak, Michał; Zwangsarbeit und Autobahn zwischen Frankfurt (Oder) und Poznań 1940-1945, Frankfurt (Oder) - Poznań 2017 (deutsch und polnisch)
Maćkowiak, Michal: Reichsautobahnlager. Zwangsarbeitslager für Juden 1941 - 1943, Hg. Muzeum Martyrologiczne w Żabikowie, 2019
Nawrocik, Jacek: Polizeigefängnis der Sicherheitspolizei und Arbeitserziehungslager in Posen-Lenzingen, Hg. Muzeum Martyrologiczne w Żabikowie, 2019
https://www.memorialmuseums.org/eng/denkmaeler/view/817/Museum-der-M%C3%A4rtyrer-in-Posen-%C5%BBabikowo
https://sztetl.org.pl/en/towns/l/796-lubon/116-sites-of-martyrdom/47906-muzeum-martyrologiczne-w-zabikowie (engl.)
https://erinnerungsorte.org/miejsca/zabikowo-bei-posen-museum-des-martyriums/

(2010 - Uhh)