Kielce
Woiwod. Swiętokrzyskie /dt. Woiwodschaft HeiligkreuzBischofspalast Kielce (Quelle: de.wikipedia © Jakub Hałun. CC BY-SA 3.0)

Kielce erhielt um 1360 das Stadtrecht, bis 1789 war die Stadt im Besitz der Krakauer Bischöfe (s. Foto; erbaut ab 1637; daneben die Basilika Mariä Himmelfahrt von 1632). Seit dem Mittelalter wurden in der Umgebung u.a.Blei, Kupfer und Eisenerz abgebaut. Bei der Dritten Teilung Polens kam die Stadt 1795 zu Österreich, 1891 unter russische Oberherrschaft und 1918 zur wieder erstandenen Polnischen Republik.

2. Weltkrieg, Deutsche Besatzung
Am 4.9.1939, wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, wurde Kielce von der deutschen Wehrmacht besetzt und kurz darauf Teil des sog. 'Generalgouvernement' für die besetzten polnischen Gebiete', Distrikt Radom (einer der vier Distrikte). SS- und Polizeiführer waren Fritz Katzmann, Breslau, später Lwow/Lemberg; Carl Oberg, ab Mai 1942 in Paris; Herbert Böttcher (1950 hingerichtet).

Jüdische Bevölkerung
Die Stadt hatte 1939 ca. 71.500 Einwohner/innen, davon waren ca. 18.000 Juden. 1941 richteten die deutschen Besatzer ein Ghetto ein, es lag in der Stadtmitte, nördlich des Rynek (s. Grafik).
Kurz danach brachten die Besatzer etwa 1.000 Wiener Juden sowie mehrere tausend Juden aus umliegenden Kleinstädten sowie aus Posen/Poznan und Lódz nach Kielce, die Zahl der Juden erhöhte sich bis August 1942 auf ca. 27.000.

Ghetto KielceKarte des Ghettos
Das Ghetto wurde im April 1941 errichtet. Anfangs lebten 27.000 jüdische Menschen im Ghetto. Arbeisfähige Männer mussten im Steinbruch arbeiten, andere als Schneider, Schuster, Schreiner oder in anderen Berufen. Im Sommer 1941 wurden u.a. Aktivisten und Gemeindeführer erschosssen. Noch vor den großen Aktionen/Deportationen im August 1942 waren etwa 6000 jüdische Menschen vehungert oder an Hunger oder Krankheiten gestorben.

Auflösung des Ghettos, Deportationen nach Treblinka
Vom 20. bis 24.8.1942 wurde das Ghetto aufgelöst. Alle bis auf 2.000 junge und gesunde Juden wurden in Güterwagen in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Kranke und die Kinder des Waisenhauses hatte man schon früher umgebracht.

Die verbliebenen 2000 Juden wurden auf drei Arbeitslager in der Stadt aufgeteilt: Hasag-Granat (Steinbrüche, Werkstätten und Munition), Henrykow (Zimmerei) und Ludwikow (Gießerei). Im August wurden die Überlebenden in die KZ Buchenwald oder Auschwitz transpotiert.

Im Mai 1943 wurden fast alle Juden aus Kielce in andere Arbeitslager verlegt. 45 jüdische Kinder - zwischen 15 Monaten und 15 Jahren alt – hatte man bei der Deportation „vergessen“; sie waren danach die einzigen Ghetto-Bewohner. Deutsche Ordnungspolizisten brachten sie am 23.5.1943 auf den Jüdischen Friedhof von Kielce und erschossen sie („Friedhofsmassaker von Kielce“). Seit 2010 erinnert daran eine Gedenkstätte auf dem Friedhof.

Literatur/Medien
Klee, Ernst: Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt 2003, S. 61
https://de.wikipedia.org/wiki/Kielce
https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Kielce
https://gleis69.de/in-kielce
http://www.deathcamps.org/occupation/kielce%20ghetto.html

 

Kielce nach 1945Haus an der Planty Nr. 7 (Quelle: de.wikipedia © Grzegorz Pietrzak. CC BY 2.5)
Bei Kriegsende lebten noch zwei jüdische Menschen in Kielce, die anderen waren in die Sowjetunion geflohen oder in den Lagern umgebracht worden.
Nach Kriegsende kehrten etwa zweihundert jüdische Menschen nach Kielce zurück. Ihre Wohnungen waren meist von Polen belegt. Viele fanden ihre Wohnungen von anderen Menschen besetzt. Sie kamen in dem Haus an der Planty-Straße unter.

Der Pogrom von Kielce gilt als einer der bekanntesten Übergriffe auf jüdische Personen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und hatte eine jüdische Emigrationswelle aus Polen zur Folge. Ua. die Rolle der staatlichen Stellen bei diesem Pogrom ist bis zum heutigen Tage nicht geklärt.

Auslöser des Pogroms war das Gerücht über die angebliche Entführung des neunjährigen Henryk B. Er hatte am 1. Juli 1946 Freunde in einem Nachbarort besucht und kam erst nach zwei Tagen wieder zurück: Am nächsten Morgen, dem 4. Juli, ging sein Vater mit ihm zur Polizei und erzählte, sein Sohn sei von Juden entführt und im Keller jenes Hauses im Zentrum der Stadt, in dem unter anderem das jüdische Komitee untergebracht war und etwa 200 Juden wohnten, festgehalten worden. Polizisten, Vater und Sohn gingen, begleitet von einer wachsenden Menschenmenge, zu dem Haus, wo sich allerdings kein Keller befand. Es kam zu antijüdischen Protesten, die auch auf die jahrhundertelang propagierten Ritualmordlegenden Bezug nahmen. Angehörige der Miliz betraten das Gebäude und gaben Schüsse ab. Tatenlosigkeit und teilweise Beteiligung der vor Ort anwesenden Milizionäre ermöglichte die Eskalation der Ausschreitungen durch den vor dem Haus versammelten Mob. Der Pogrom, in dessen Verlauf mehr als 40 Menschen ermordet wurden, zog sich über mehrere Stunden hin und wurde erst durch das Einschreiten von herbeigeholten Soldaten beendet (Text:wikipedia) Zwölf Personen wurden am 9.7.1946 wegen ihrer Teilnahme am Pogrom vor Gericht gestellt, von denen am 11. Juli neun zum Tode, drei zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Die neun Verurteilten wurden am 12. 7.1946 abends in einem Wald bei Kielce 'im Geheimen' erschossen - Angehörige und Verteidiger waren nicht informiert worden. Die schnelle Vollstreckung der Todesurteile auf Geheiß der - angeblich jüdisch kontrollierten - kommunistischen Führung führte zu heftigen Protesten in Teilen der polnischen Bevölkerung, auch weil der am 9.7.1946 zum Tode verurteilte ehemalige deutsche Reichsstatthalter in Posen, Gauleiter Arthur Greiser noch am Leben war (er wurde am 21.7.1946 in Posen/Poznan erhängt).

Folgen
Die Mehrheit der etwa 300.000 polnischen Juden, die die deutsche Besatzungszeit überlebt hatten, verstand den Pogrom als unmissverständliches Zeichen dafür, dass es für sie in Polen keine sichere Zukunft gab. In den folgenden Monaten verließen mehrere zehntausend Juden das Land. Viele Überlebende des Pogroms flohen nach Westdeutschland in die Amerikanische Besatzungszone, wo sie als Displaced Persons (DPs) vorübergehend Aufnahme in DP-Lagern fanden. Die Zahl jüdischer Displaced Persons stieg in der US-Besatzungszone von 36.000 im Januar 1946 auf 141.000 im Oktober 1946; im Sommer 1947 lebten mehr als 180.000 Juden (darunter etwa 80 % aus Polen) in rund 70 Lagern.


Aufarbeitug, Nachwirkungen
Zwölf Personen wurden am 9. 7.1946 wegen ihrer Teilnahme am Pogrom vor Gericht gestellt, von denen am 11. Juli neun zum Tode, drei zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Die Hinrichtung der neun Verurteilten fand am 12. Juli 1946 um 21.45 Uhr heimlich in einem Wald bei Kielce durch Erschießen statt, ohne dass Angehörige und Verteidiger informiert wurden. Die schnelle Vollstreckung der Todesurteile - auf Geheiß der angeblich jüdisch kontrollierten kommunistischen Führung - während der am 9. 7. 1946 zum Tode verurteilte ehemalige Reichsstatthalter in Posen, Arthur Greiser, noch am Leben war, führte zu heftigen Protesten in Teilen der polnischen Bevölkerung.

Die Gewerkschaft Solidarność forderte nach 1980 eine Dokumentation und eine Debatte über die antisemitisch motivierten Mordtaten der ersten Nachkriegsjahre. Erst mit der politischen Wende von 1989/90 setzte diese Debatte ein. Zum 50. Jahrestag 1996 gedachte Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski der Opfer; allerdings fuhr er nicht nach Kielce, weil es im Stadtrat Widerstand gegen eine Gedenkfeier gegeben habe. Dies tat erst sein Nachfolger Lech Kaczyński, 2006 sprach er am Ort des Verbrechens von einer „Schande für Polen“.

Spätere Veröffentlichungen
Das Institut für Nationales Gedenken (IPN), dessen staatsanwaltliche Abteilung im Jahr 2000 neue Ermittlungen aufgenommen hatte, stellte sie nach vier Jahren ein: man habe weder die Hintergründe des Massenmordes aufklären noch lebende Täter ermitteln können. Der Verdacht einer gezielten Provokation wurde insbesondere in Kreisen der Solidarność thematisiert.

Die Warschauer Kulturanthropologin Joanna Tokarska-Bakir kam nach Prüfung der in polnischen Archiven vorhandener Akten zu dem Pogrom zu dem Schluss, dass die angebliche Provokation durch die Geheimpolizei UB nicht nachweisbar ist. In ihrem 2018 veröffentlichten Buch berichtet sie über die Stimmung in der Gesellschaft Kielces, die zu dem Pogrom geführt habe.


Literatur, Medien
Gross, Jan Tomasz: Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Suhrkamp, Berlin 2012
Gutman, Israel u.a. (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust, Berlin 1993, S. 756 – 757
https://sztetl.org.pl/pl/miejscowosci/k/399-kielce/116-miejsca-martyrologii/46870-pogrom-w-kielcach-4-lipca-1946
https://gleis69.de/michniow-ein-mausoleum-des-martyrium-im-entstehen
https://berlin.instytutpileckiego.pl/de/news/kielce-und-jedwabne