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Nice (Nizza)

Region Provence-Alpes-Cote d'Azur, Departement Alpes-Maritimes


Der Ort
Hafenstadt am Mittelmeer, 342 637 Einwohner*innen, im Großraum 1 006 402 (jeweils 2016), fünftgrößte Stadt Frankreichs, Hauptort des Departements Alpes-Maritimes. Mit dem Auto von Marseille 200 km (A7/A 51/A 8 – Maut) und ca. 30 km von Menton/Grenze zu Italien (A 8, N 7/D 6007) entfernt.

Die Ereignisse
Nizza lag zunächst in der unbesetzten Zone, war ab November 1942 italienisch, ab September 1943 deutsch besetzt und wurde Ende August 1944 befreit.

Vichy-Regierung
Es gab frühzeitig individuellen Widerstand: Flugblätter, Streuzettel mit Kritik an Vichy, NS-Deutschland oder dem faschistischen Italien. Im Departement wurden bis November 1942 187 Menschen wegen Widerstandsakten verhaftet, darunter fünf Schüler, 35 Eisenbahner und 44 Kommunisten; diese und Anhänger von Libération-Sud wurden besonders hart bestraft. Auch nach der italienischen bzw. deutschen Besetzung machten die Vichy-Behörden, Polizei, Sonderpolizei, Milice sowie die PPF-Aktionsgruppen Jagd auf Résistants: 34 Mitglieder des Front National (Résistance) wurden 1943 verhaftet und deportiert; die Milice folterte und erschoss drei FTP-Anhänger; PPF-Leute brachten im Dezember 1943 bzw. Juli 1944 acht Widerstandskämpfer um.

In das Gebiet um Nizza waren viele Juden aus Mitteleuropa und – nach den antisemitischen Gesetzen 1938 – aus Italien geflüchtet. Im Rahmen der Razzien in der Südzone (Juli/August 1942; vgl. Judenverfolgung in Frankreich) internierten die Vichy-Behörden fast 1.000 – ausländische – Juden in der Caserne Auvare; 554 wurden der Gestapo übergeben und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Gedenktafel: Milice-Mord an drei FTP-Mitgliedern Gedenktafel-Inschrift Gedenktafel an der Caserne Auvare Gedenktafel-Inschrift

Gedenken
Am Haus Rue de France Nr. 7 erinnert eine Tafel an die Folter und Tötung von drei FTP-Aktivisten durch die „Hitler-Polizei Darnands“ (= Milice) am 22. März 1944.
Ein Teil der ehem. Auvare-Kaserne wird heute von der Polizei genutzt. An einem Holztor erinnert eine Tafel an die Internierung von fast 1.000 Juden in der Kaserne und die anschließende Deportation im August 1942.

Italienische Besatzung (11. November 1942 – 8. September 1943)
Carabinieri und OVRA nahmen über 1.300 Personen fest, meist Résistants oder italienische Antifaschisten. 975 wurden anschließend interniert oder nach Italien deportiert, 232 vom italienischen Militärgericht in Breil-sur-Roya verurteilt. Die Villa Lynwood wurde das regionale Verhör- und Folterzentrum. Hunderte Menschen aus der italienischen Besatzungszone erlebten hier ein Inferno – über der Tür zu den Kellern war ein Zitat aus Dantes Göttlicher Komödie eingraviert: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

Die italienischen Besatzungsbehörden setzten die antisemitischen Gesetze und Maßnahmen des Vichy-Regimes aus. Zahlreiche Juden kamen jetzt aus den von den Deutschen neu besetzten Gebieten Südfrankreichs an die Riviera. Sie bekamen bestimmte Wohnorte als Zwangsaufenthalt vorgeschrieben (z.B. Megève, Saint-Martin-Vésubie), wurden aber nicht interniert und deportiert.
Die Italiener weigerten sich auch, jüdische Menschen an die Deutschen auszuliefern. Eine untypische Ausnahme ist der jüdische deutsche Publizist Theodor Wolff, der vor den Nazis geflohen war und seit Ende 1933 in Nizza wohnte (zeitweise in Sanary-sur-Mer). Die Italiener verhafteten ihn am 23. Mai 1943 und übergaben ihn der Gestapo als „Feind des Reiches“ (nicht: „als Juden“). Er wurde in das KZ Sachsenhausen deportiert und starb bald darauf (vgl. hier).

Ehem. Folterzentrum Villa Lynwood Gedenktafel an Verhaftung von Résistants Gedenktafel für Th. Wolff, Promenade des Anglais Nr. 63

Gedenken
Die von den Italienern beschlagnahmte Villa Lynwood einschließlich des großzügigen Parks wurde nach der Befreiung den britischen Besitzern zurückgegeben und von diesen verkauft; sie heißt jetzt Villa Lamberti. Es gibt keinen Hinweis auf die Vergangenheit (Avenue Brancolar Nr. 101; Tram 1 Stop Val Rose und Bus 25, Stop Villa Lamberti bzw. Parc Guarini).
Acht Mitglieder der Widerstandsgruppe „France d'abord“ mit Sitz in der Rue Victor Juge Nr. 3 wurden am 31. Mai 1943 von den Italienern verhaftet und in italienische Gefängnisse gebracht. Dort wurden sie später von den Deutschen aufgespürt und in die KZ deportiert, wo sie starben.

Deutsche Besatzung (8. September 1943 bis 28. August 1944)
Einen Tag nach Bekanntwerden des italienisch-alliierten Waffenstillstands (vgl. Kriegsaustritt Italiens) marschierten deutsche Truppen, Gestapo und Gefolge in Nizza ein, bezogen Quartier in den Luxushotels L'Hermitage in Cimiez, Excelsior (nähe Bahnhof, Vorhof der Deportation) und in der Villa Trianon (Folterkeller, vor Jahren abgerissen). Der organisierte Widerstand erstarkte, Sabotagen und Streiks nahmen zu. Im Departement verhafteten die deutschen 1229 Widerständler, fast 400 wurden deportiert; nach Schätzungen wurden etwa 140 erschossen oder gehängt, weitere 25 starben unter der Folter oder an Misshandlungen. Emblematisch für den Terror war die öffentliche Erhängung der beiden FTP-Männer S. Torrin und A. Grassi am 7. Juli 1944 an Laternen in der Av. de la Victoire (heute: Avenue Jean Médecin). Das Ende der Besatzungsherrschaft war durch Massenverbrechen gekennzeichnet: Elf junge Männer aus Nizza wurden am 11. Juni 1944 in Saint-Julien-du-Verdon, 21 FTP-Mitglieder am 15. August1944 in Nizza-L'Ariane umgebracht.


Gedenktafel für Résistants am Rathaus Gedenktafel für die Alliance-Mitglieder Bres und Dujat Gedenktafel für Robert Thivin (Combat) Gedenktafel für den erhängten A. Grassi Gedenktafel für den erhängten S. Torrin Gedenkstätte Cour des Fusillés (© Jimmy Tual) Gedenkstätte Cour des Fusillés (© Jimmy Tual) Denkmal für die in Saint-Julien-du-Verdon erschossenen Résistants aus Nizza (© Jimmy Tual, GenWeb)


Sofort nach ihrem Einmarsch machte die Gestapo unter Alois Brunner Jagd auf Juden. Sein Amtssitz im Hotel Excelsior wurde bald zum Vorhof für Deportationen. Vom Bahnhof Nice-Ville wurden bis zum August 1944 fast 3.000 Männer, Frauen und Kinder aus Nizza und Umgebung in die Vernichtungslager deportiert, darunter die 1927 in Nice geborene Simone Veil (vgl. hier) und Arno Klarsfeld, Vater von Serge Klarsfeld (vgl. hier). Tausende jüdische Menschen wurden von EinwohnerInnen und Hilfsorganisationen geschützt und versteckt. Am 27. Januar 2014 wurde eine „Mauer der Gerechten unter den Völkern“ mit 125 Namen von EinwohnerInnen aus Nice und dem Departement eingeweiht, die unter Lebensgefahr jüdische Menschen vor dem Tod gerettet haben (nahe dem israelitischen Friedhof du Château, Allée François Aragon; GPS 43.6978505, 7.2776417; er liegt auf einem Hügel oberhalb der Stadt, der Zugang ist zeitweise beschränkt).

Hotel Excelsior, 19 Avenue Durante Gedenktafel vor dem Hotel Excelsior (© Jimmy Tual)
Gedenktafel an die Judendeportationen im Bahnhof Gedenktafel an die Judendeportationen im Bahnhof Tafel für Paul Dussour und Arno Klarsfeld 'Mauer der Gerechten'; Quelle: genami.org

Gedenken
Das Widerstandsmuseum Musée de la Résistance Azuréenne zeigt in seiner Dauerausstellung u.a. viele Entwicklungen, Aktionen des Widerstands in der Region, der italienischen und deutschen Besatzung und der Befreiung. Es gibt auch Studien und Papiere zu einzelnen Themen heraus. Adresse: 98 Avenue Simone Veil, F-06200 Nice-La Plaine 1; Endstation des Busses 9 Bahnhof →La Plaine; E-Mail: [email protected]; Internet: http://musee-resistance-azureenne.com
Zahlreiche Gedenktafeln erinnern an Widerstandskämpfer und ihre Verhaftung, Deportation oder Ermordung durch die Deutschen. Eine Tafel im Hof des Hôtel de Ville (Rathaus) gedenkt der umgekommenen Résistants des 1. Stadtbezirks. Die Tafel für R. Bres und A. Dujat , die am 1. September im KZ Natzweiler-Struthof mit 100 weiteren Alliance-Mitgliedern erschossen wurden, befindet sich am Hotel Ellington, Boulevard Dubouchage Nr. 25; die für R. Thivin (Combat) gegenüber Rue Robert Thivin Nr. 1 (Tram, Stop Liberté); die für die öffentlich aufgehängten A. Grassi und S. Torrin (FTP) an den Eckhäusern 6 bzw. 9 Avenue Jean Médecin/Kreuzung mit Rue de l'Hôtel des Postes bzw. Rue de la Liberté. Das Denkmal für die in Saint-Julien-du-Verdon Erschossenen liegt neben dem Friedhof Caucade an der Kreuzung Boulevard du Souvenir Français/Boulevard Napoléon III. (Bus 8 und 12). Am Carré des Fusillés werden Resistants (darunter drei Frauen) geehrt, die deutsche Sicherheitskräfte am Tag der alliierten Landung in der Provence aus einem Gefängnis geholt und dann am Rande von Nizza erschossen hatten – bevor die Stadt fluchtartig in Richtung Italien verließen; die Gedenkstätte für die Erschossenen von L'Ariane liegt kurz hinter dem Kreisel Chemin de la Lauvette neben der Pénétrante du Paillon (D 2204 C). Jeweils am 15. August findet eine große Gedenkzeremonie statt; an anderen Tagen ist der Zugang zur Gedenkstätte nicht möglich.

An  die Judenverfolgung, -deportation und -vernichtung erinnern zwei Tafeln im Bahnhof von Nice-Ville. Im nahen Hôtel Excelsior (19 Rue Durante), dem Sitz der Gestapo, waren die verhafteten Juden vor ihrer Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie fast alle umkamen, interniert worden: „Während der deutschen Besetzung von Nizza vom September 1943 bis August 1944 wurden über 3000 Juden, darunter 264 Kinder, in den Departements Alpes-Maritimes, Alpes de Haute-Provence und Monaco verhaftet und von der Gestapo gemäß der antisemitischen Nazi-Ideologie deportiert.“ Eine Tafel am Haus Rue d'Italie Nr. 15 gedenkt der Combat-Mitglieder Paul Dussour (er kam im November 1944 im KZ-Außenlager Neckargerach um) und Arno Klarsfeld, der als Jude von der Gestapo abgeholt wurde und im KZ Auschwitz umkam.  

Volkserhebung/Befreiung von Nizza
Nach der Landung in der Provence war das Hauptziel der Alliierten, möglichst schnell Deutschland zu erreichen. Die östliche Provence, also u.a. Nizza, schien nicht vordringlich zu sein. In dieser Situation entschied die Résistance, selbst zu handeln. Die in einem Komitee vereinten Résistance-Verantwortlichen beschlossen am 27. August 1944 den Beginn des Volksaufstands für den nächsten Morgen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, die Arbeit niederzulegen, die Deutschen anzugreifen und Gebäude und Anlagen gegen Zerstörungen durch die Wehrmacht zu schützen. Nach einem Tag Kampf verließen am Abend des 28. August die letzten deutschen Soldaten die Stadt. Die Stadt war ohne Hilfe der alliierten Truppen befreit, es waren relativ wenig Häuser etc. zerstört, 27 Tote und 280 Verletzte waren zu beklagen. Am 29. August wurden die vor der Stadt liegenden US-Truppen informiert und zogen in Nizza ein.


Gedenktafel am Palais Stella Gedenktafel-Inschrift Denkmal für Tote der Volkserhebung (© Gérard COLETTA) Gedenktafel für sechs Tote des Volksaufstands (© Claude RICHARD)
Gedenktafel in der Altstadt für während der Befreiung getötete Widerstandskämpfer Gedenktafel in der Altstadt für während der Befreiung getötete Widerstandskämpfer Gedenktafel in der Altstadt für während der Befreiung getötete Widerstandskämpfer Gedenktafel in der Altstadt für während der Befreiung getötete Widerstandskämpfer

Gedenken
Am Palais Stella, Boulevard de Cessole Nr. 20, erinnert eine Tafel an den Beschluss zur Volkserhebung. Ganz in der Nähe, an der Kreuzung Bd. de Cessole/Boulevard Garnier (auch „Carrefour du 28 août 1944“ genannt), fanden die ersten Kämpfe statt; an die Toten erinnern ein Denkmal sowie eine Gedenktafel am Bd. de Cessole Nr. 2. Viele Tafeln gedenken der während der Volkserhebung und Befreiung getöteten Widerstandskämpfer: In der – restaurierten – Altstadt z.B. an Jean Gordolon und Joseph Giuge an der Rückseite des Rathauses, Rue St. François de Paule; an Jean Moralès, Jean Bobichon, August Arnaudo und Jean Bachino am Uhrturm, Place du Palais.

Literatur/Medien
Dictionnaire historique de la Résistance, Paris 2006, S. 310
Petit Futé. Guide des lieux de mémoire, Paris 2005, S. 319f.
Panicacci, Jean-Louis: L'Occupation italienne: Sud-Est de la France, juin 1940-septembre 1943, Rennes 2010
ders.: Les Alpes-Maritimes dans la guerre 1939-1945, Clermont-Ferrand 2013.
Silberstein, Stella (Naor, Simha): Hotel Excelsior. Tagebuch einer Spurensuche 1945/46 (hg. Ingeborg Hecht/Kurt Kreiler), Hamburg 2005
Musée de la Résistance azuréenne / Panicacci, Jean-Louis: La libération de Nice 28 août 1944. Soulèvement patriotique ou journée révolutionnaire?
http://www.ajpn.org/commune-Nice-6088.html 
www.musee-resistance-azureenne.com/la-resistance-azureenne/dossiers-thematiques/la-repression-de-la-resistance-par-vichy-et-par-les-occupants-dans-les-alpes-maritimes.html 
http://maitron-fusilles-40-44.univ-paris1.fr/spip.php?article185747
https://fr.wikipedia.org/wiki/Fusill%C3%A9s_de_l%27Ariane
http://fr.wikipedia.org/wiki/Lib%C3%A9ration_de_Nice
http://fr.wikipedia.org/wiki/Nizza