Region Île-de-France 


Der Ort
Aufgang zum Denkmal an die Juden-Razzia vom Juli 1942 (Rafle du Vel d'Hiv) am Quai de Grenelle (Schild 'Monument de la Déportation 1940-1945' folgen), nahe Eiffelturm; Metro: Bir Hakeim (M 6) oder RER C: Champs de Mars/Tour Eiffel.

Die Ereignisse
Judenverfolgung und -Deportation
Registrierung von Opfern der billet vert-Razzia im Lager Pithiviers (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S69238; wikimedia CC-BY-SA 3.0 de

Vor der Razzia der Winterradrennbahn vom Juli 1942 war die Entscheidung der NS-Führung für die Auslöschung der europäischen Juden („Endlösung der Judenfrage“) gefallen und hatte nach dem Überfall auf die Sowjetunion mit den Massenerschießungen der Einsatzgruppen hinter der Front sowie in den deutschen Vernichtungslagern im besetzten Polen begonnen.
In Frankreich waren in drei großen Razzien im Jahr 1941 in Paris tausende jüdischer Männer verhaftet, interniert und hunderte ab März 1942 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht worden: 14. Mai Razzia du billet vert – 3700 ausländische Männer; 20. August: 4200 Männer; 12 Dezember: 743 jüdisch-französische 'Honoratioren'.
Im Frühjahr 1942 war die SS für „Sicherheit und Ordnung“ statt der Wehrmacht zuständig geworden. Am 2./4. Juli wurden die Kollaboration mit dem Vichy-Regime und die jeweiligen Zuständigkeiten von SS und frz. Polizei geklärt: Verhaftung und Internierung erfolgten durch französische Polizisten – auch wenn sie auf Verlangen der Deutschen basierten, die Deportation durch die Deutschen. Ab August wurden auch Kinder zwischen 2 und 16 Jahren deportiert. Die Grundsätze galten auch für die damals noch nicht besetzte 'Südzone', wo Razzien im August und September 1942 unter Vichy-Kontrolle durchgeführt wurden. Der erste Deportationstransport von Juden ging am 27. März 1942 mit 1112 Männern nach Auschwitz (vgl. Sachstichwort 'Judenverfolgung in Frankreich'; Klarsfeld, a.a.O., S. 34ff., 89ff., 376f.).

Gedenktafel am Bahnhof Austerlitz: Transport verhafteter jüdischer Menschen in die Internierungslager (Quelle: wikimedia commons_Nu)Gedenktafel an Judenrazzia 12.12.1941 an der 'École Militaire' (Quelle: genweb, Jimmy Tual, CC BY-NS-SA 2.0)







 




Razzia im Mai 1941 - 'Billet vert'
Am 14. Mai verhaftete französische Polizei – auf der Basis der vor kurzem fertig gestellten 'Judenkartei - über 3700 jüdische Männer meist polnischer Staatsangehörigkeit nach einem Täuschungsmanöver (etwa 2700 blieben der Aufforderung fern). Sie waren durch ein grünes Schreiben zur „Überprüfung ihrer Situation“ vorgeladen worden; wer sich meldete, wurde verhaftet und in die Internierungslager des Loiret, Beaune-la-Rolande und Pithiviers geschickt. Viele wurden von dort über Compiègne am 5. Juni 1942 nach Auschwitz deportiert, wo wenige Tage vorher die Gaskammern in Betrieb genommen worden waren. Nur 41 Männer überlebten (Klarsfeld, a.a.O., S. 25ff. u. 378f.).

Razzia ab 20. August 1941
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der kommunistischen Agitation ließ die Wehrmacht durch Feldgendarmen – auf Vorschlag von Dannecker – etwa 4200 jüdische Männer verhaften, die sie als gefährlich im Hinblick auf die Kriegssituation ansah. Sie wurden in das gerade eröffnete Lager in Drancy bei Paris eingeliefert und später deportiert.

Razzia im Dezember 1941 – Rafle dite des Notables
743 französisch-jüdische Honoratioren ('Notablen', z.B. Anwälte, Industrielle, Politiker) wurden am 12. Dezember 1941 in einer Vergeltungsaktion für antideutsche Attentate von deutschen Polizisten mit Hilfe französischer Polizei festgenommen. Nach einer Nacht in der Ècole Militaire de France (1 Place Joffre, Paris 7°, Nähe Invalides, GPS 48.8525155, 2.3013007), wurden sie in das Internierungslager Compiègne-Royallieu transportiert. Die meisten wurden in dem ersten Transport von Juden vom 27. März 1942 mit 1112 Männern in das KZ Auschwitz deportiert (Klarsfeld, a.a.O., S. 34ff., 376f.)

'Vel d'Hiv-Razzia' im Juli 1942'Laval (Vichy) und Oberg (SS), Mai 1943 (Quelle: Bundesarchiv_Bild_183-H25719, wikimedia commons)
Vorbereitungen durch SS

Bei der Planung waren Dannecker u.a. von der Festnahme von ca. 22000 Juden über 16 Jahren, auch französischer Juden, durch die französische Polizei in der Pariser Region ausgegangen, letztlich waren es fast 13000 Männer, Frauen und Kinder. Nach vielen Besprechungen akzeptierte SS-Führer Knochen die Bedingung Pétains, keine französischen Juden festzunehmen, und Bousquet stimmte dem Einsatz französischer Polizei zu (am 4. Juli 1942 von Pétain und Regierungschef Laval bestätigt, später erweitert durch das allgemeine Polizeiabkommen Bousquet-Oberg); vgl. Klarsfeld, a.a.O., S, 89ff., 131ff. Das Höchstalter für Männer wurde auf 60, für Frauen auf 55 Jahre festgelegt; Kinder von 2 – 16 Jahren wurden mit ihren Eltern festgenommen; die Entscheidung über ihre Deportation fiel Mitte Juli. Die Namen der Festzunehmenden wurden der 'Judenkartei' entnommen und an die einzelnen Polizeistellen kommuniziert.

städtische Busse an der Radrennbahn (Quelle: encyclopedia.ushmm.org)

Die Razzia am 16. und 17. Juli 1942
Bei der Razzia am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13152 Juden der Pariser Region, darunter 4115 Kinder) auf Verlangen der NS-Besatzer von der französischen Polizei festgenommen, in der Winterradrennbahn (Vélodrome d'Hiver, Vel d'Hiv) festgehalten, bald darauf in Internierungslager verbracht und von dort in die Vernichtungslager deportiert. Nur wenige haben überlebt.
Ab 4 Uhr morgens klopften 4500 Polizisten an die Wohnungen und nahmen die auf den Listen stehenden Personen mit. Nur wenige konnten fliehen. Vor allem Männer hatten sich z.T. schon am Vorabend entfernt, weil Gerüchte über eine bevorstehende große Aktion umliefen und sie annahmen, dass – wie bei den vorigen Razzien – nur Männer verhaftet würden. Anschließend wurden sie in die requirierten Stadt-Busse gebracht und zur Radrennbahn gefahren.

in der Radrennbahn (Quelle: http://eajc.org/page32/news31827.html)

In der Radrennbahn
Für die Aufnahme und Unterbringung der Menschen war keinerlei Vorsorge getroffen. In der Arena wurde es immer enger und heißer. Die Familien mussten mehrere Tage und Nächte hier bleiben – unter schrecklichen Umständen: Es gab kein Wasser, bis ein Feuerwehrmann einen Hydranten öffnete; es gab ein Essen, keine Matratzen oder Schlafgelegenheiten. Eine Fürsorgerin schrieb: „Kranke Kinder; verstopfte Aborte; Angriffe auf französische Polizisten; nur zwei Ärzte; es regnet herein“. Die 4115 zusammengepferchten Kinder sowie alte und kranke Menschen litten am meisten. Die Hilfsdienste taten ihr Bestes, waren aber überfordert. Dazu kam die Ungewissheit über das weitere Schicksal.

Ankunft im Lager Pithiviers (1941) (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S69237 / wikimedia commons CC-BY-SA 3.0)

Internierung
Ab 18. Juli wurden Männer und Frauen ohne Kinder per Bus in das Lager Drancy nordöstlich von Paris gebracht. Vom 19. bis 22 . Juli brachten Züge ab Bahnhof Paris-Austerlitz täglich jüdische Menschen in die Lager des Loiret: 4544 nach Pithiviers, 3074 nach Beaune-la-Rolande (zu den Verhältnisse s. dort).

Deportation
Die ersten Opfer der Vel d'Hiv-Razzia wurden am 19. Juli 1942 mit dem Transport Nr. 7 vom Bahnhof Le Bourget-Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Ankunft in Auschwitz wurde zum ersten Mal eine Selektion vorgenommen: 375 Männer, die nicht zur Arbeit eingesetzt wurden, wurden sofort in der Gaskammer ermordet.
Am 31. Juli verließ der erste Transport den Bahnhof Pithiviers mit 1049 Deportierten. Zum ersten Mal trennten französische Gendarmen die abfahrenden Mütter von ihren Kindern, die später alleine nach Auschwitz transportiert werden sollten (vgl. Schilderungen zur Trennung der Kinder von ihren Eltern in den Texten zu Pithiviers und Beaune-la-Rolande). Weitere Transporte folgten am 3. August, 5. August (Beaune-la-Rolande) und 7. August (Pithiviers): von den 1073 Deportierten dieses Transports wurden 794 gleich nach der Ankunft in Auschwitz vergast; 1945 lebten noch zwei Frauen und fünf Männer.

Gedenken


Erinnerungsgarten (Quelle: Djampa, wikimedia CC BY-SA 4.0)Memorial der jüdischen Kinder des Vel d'Hiv; © H. Abbadie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1946 wurde eine Gedenktafel an der Winterradrennbahn angebracht. Sie verschwand beim Abriss der Halle und dem Neubau von Büros und Wohnungen. 2009 wurde am ehemaligen Standort der Radrennhalle ein Erinnerungsgarten angelegt: Eine Tafel erinnert daran, dass bei der Razzia „13152 Juden in der Region Paris festgenommen …, dann deportiert und in Auschwitz umgebracht worden sind … 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer wurden unter unmenschlichen Bedingungen durch die Polizei der Vichy-Regierung auf Befehl der NS-Besatzer in der Halle festgehalten“ (Rue Nélaton). Der Erinnerungsgarten wurde 2017 umgestaltet und u.a. um eine Skulptur sowie das 'Mémorial des enfants juifs du Vélodrome d'Hiver' (eine Mauer mit den Namen Wohnorten, Geburts- und Todesdaten aller ermordeten jüdischen 'Kinder des Vel d'Hiv') erweitert.

Vel d'Hiv-DenkmalInschrift am Denkmal













Denkmal
1994 wurde in Anwesenheit von Staatspräsident François Mitterand ein Denkmal eingeweiht, ein Werk des Bildhauers Walter Spitzer. Es empfindet die Form der Radrennbahn nach und zeigt am Boden kauernde, abgezehrte Menschen (Monument de la Place des Martyrs Juifs du Vélodrome d'Hiver, Promenade du Quai de Grenelle [= GPS 48.853595, 2.287182]; von der Metro Bir Hakeim dem Schild 'Monument de la Déportation‘ 1940-1945 folgen).

Der Text auf dem Sockel lautet (übersetzt):
Die Französische Republik zu Ehren der Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgungen und Verbrechen gegen die Menschheit, die unter der faktischen Verantwortlichkeit der so genannten „Regierung des Französischen Staates“ (1940–1944) verübt worden sind. Vergessen wir es niemals.

Im Jahr darauf anerkannte Staatspräsident Jacques Chirac die Verantwortung Frankreichs für die Judenverfolgung. Er ergänzte, dass „die kriminellen Machenschaften der Besatzungsmacht von den Franzosen, d. h. vom französischen Staat unterstützt wurden" und dass „Frankreich in diesen Zeiten unreparierbaren Schaden angerichtet hat.“ Staatspräsident Emmanuel Macron nahm auf der Gedenkveranstaltung am 17. Juli 2017 diesen Faden auf und wies das Argument zurück, dass 'Vichy nicht Frankreich' gewesen sei: „Es war sehr wohl Frankreich, das die Razzia organisiert hat“ und auch für die Deportation, d.h. den Tod fast aller 13152 Personen jüdischen Glaubens, mit verantwortlich sei.

Seit dem Jahr 2000 ist der 16. Juli bzw. der folgende Sonntag der Nationale Gedenktag für die Opfer von Rassismus und Antisemitismus und zu Ehren der 'Gerechten' Frankreichs (vgl. Gedenktage (Frankreich) und http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/nationaler-gedenktag-fur-die-opfer-von-rassismus-und-antisemitismus-des-franzosischen-staats-und-zu).

Der Text auf dem Denkmal-Sockel wird auf zahlreichen Gedenktafeln in vielen französischen Gemeinden, auf Plätzen, an Bahnhöfen oder Rathäusern wiedergegeben, die an die Judendeportation durch NS-Deutschland und die frz. Kollaboration erinnern.

Gedenken an anderen Orten
Aline Korenbajzer; © CERCIL, Orléans
In Beaune-la-Rolande und Pithiviers wird der hier internierten und dann ermordeten Vel d’Hiv-Opfern mit Denkmälern, Namenstafeln und jährliche Zeremonien gedacht. In Orléans das Cercil-Musée-Mémorial des enfants du Vel d'Hiv die 4115 Kinder mit Namen, Alter, letztem Wohnort und Todestag und – soweit vorhanden – Fotos; eins der Kinder war die an ihrem 3. Geburtstag in Auschwitz vergaste Aline Korenbajzer.
Die nationalen Gedenkfeiern am Gedenktag für die Opfer rassistischer und antisemitischer Verfolgungen finden außer am Denkmal der Vel d’Hiv-Razzia in Paris auch am Maison d’Enfants in Izieu (Auvergne-Rhône-Alpes) und auf dem Gelände des ehemaligen Internierungslagers Gurs (Pyrenäen) statt.

Literatur/Medien
Dictionnaire historique de la Résistance, Paris 2006, S. 614
Klarsfeld, Serge: Vichy–Auschwitz. Die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Behörden bei der „Endlösung der Judenfrage“ in Frankreich, Nördlingen 1989, bes. S. 118ff.
Meyer, Ahlrich: Die deutsche Besatzung in Frankreich 1940–1944. Widerstandsbekämpfung und Judenverfolgung, Darmstadt 2000, S. 34ff.
Petit Futé. Guide des lieux de mémoire, Paris 2005, S. 127f.
Film: „Die Kinder von Paris – La rafle“ (2010)
http://www.elysee.fr/declarations/article/discours-du-president-de-la-republique/
https://de.wikipedia.org/Wiki/Rafle_du_V%C3%A9lodrome_d%E2%80%99Hiver
https://de.wikipedia.org/Wiki/Rafle_du_billet-vert; http://www.cercleshoah.org/spip.php?article641
https://www.lepoint.fr/histoire/rafle-du-vel-d-hiv-il-y-a-75-ans-l-horreur-17-07-2017-2143715_1615.php