Rzeszów (Reichshof während dt. Besatzung)
Woiw. Karpatenvorland/poln.: Woiw. Podkarpacie
Der Ort
Hauptstadt und wichtiges Zentrum der Woiwodschaft Karpatenvorland /poln.: woiwod. Podkarpacie, im Südosten der Woiwodschaft, ca. 196.700 Einwohner/innen (2023). 100 km von der Slowakei, 60 km von der Grenze zu Ukraine. Der große Flughafen hat sich zum Drehkreuz für 'Hilfs-Lieferungen' in die Ukraine entwickelt, auch „neues Ramstein“ genannt.
Mit der Bahn Krakau–Rzeszow, ca. 1 Std.. 20 Min.; mit dem Auto: von Krakau 166 km (über A 4).
Die Ereignisse
Vom großen 'Shtetl' zur Industriestadt
Seit 1387 war Rzeszów Teil des Königsreichs Polen. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich in der Neustadt (nowe miasto) ein jüdisches shtetl mit eigenem Marktplatz (heute pl. wolnosci), vielen Vereinen und Synagogen, vgl. Fotos aus 2000er Jahren:
Altstadtsynagoge (Synagoga Staromiejska)
ul. Boznicza 4, googlemaps @ 50.0392319, 22.0064334)
https://de.wikipedia.org/wiki/Altstadtsynagoge_(Rzesz%C3%B3w)
Neustadtsynagoge (Synagoga Nowomiejska)
ul. III Sobiesiego 17; googlemaps @50.0387847, 21.9972149
https://de.wikipedia.org/wiki/Neustadtsynagoge_(Rzesz%C3%B3w)
Rzeszów
Nach der ersten polnischen Teilung 1772 wurde Rzeszów Teil der Habsburgermonarchie, 1918 wieder in der polnischen Republik. Anfang Mai 1919 wurden bei Ausschreitungen jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert; Auslöser war das Gerücht eines 'jüdischen Ritualmords' (s.a. Juni 1945).
1937-1939 entwickelten sich im Stadtteil Ruska Wies Maschinen- und Luftfahrtindustrie, die Stadt wuchs auf ca. 40.000 Einwohner*innen, darunter ca. 14.000 Juden/Jüdinnen.
1939 Besetzung durch Wehrmacht
Die deutsche Wehrmacht bombardierte die Stadt im Generalgouvernement vom 6. - 9.9. und besetzte sie am 10.9.1939. Sogleich begann der Terror besonders gegen die polnische „Intelligenz“ und die jüdische Bevölkerung. Juden durften die Hauptverkehrsstraßen nicht mehr benutzen, hunderte Wohnungen wurden konfisziert.
„Intelligenzaktion“
Die Besatzer richteten ein Gefängnis ein, in dem sie über 1.100 Polen, insbesondere Angehörige der Intelligenz, aus der Region zwischen Oktober 1939 und Juni 1940 inhaftierten (Intelligenzaktion). Einige Personen wurden schließlich freigelassen, andere wurden in Gefängnisse in Krakau und Tarnów verlegt. Viele wurden auf dem Gefängnishof hingerichtet.
Am 2.11.1939 führten die Deutschen Massenverhaftungen von Priestern und Mönchen durch, danach richteten sie auch Angehörige der polnischen Intelligenz im örtlichen Berhardiner-Kloster hin. Die Verfolgung der polnischen Intelligenz wurde mit der AB-Aktion fortgesetzt, am 27.6.1940 wurden 104 Polen aus dem örtlichen Gefängnis in einem nahen Wald hingerichtet.
Judenverfolung
Im Dezember 1939/ Januar 1940 wurden ca. 6000 Juden aus dem annektierten Westpolen (z.B. Lodz, Oberschlesien) deportiert - daraufhin verließen mehrere tausend Juden Rzeszow in Richtung Warschau und Ostpolen. Mitte Juli war die „Verlegung“ der Juden fast abgeschlossen, Deutsche und Polen waren in den „freigewordenen“ Wohnungen untergebracht worden.
„Ghetto Reichshof
http://www.deathcamps.org/occupation/pic/bigrzeszowmap.jpg
googlemaps @ 50.0392319, 22.0064334
Im Dezember 1941 hatten die Besatzer die Einrichtung eines Ghettos angekündigt, am 10.1.1942 wurde das Ghetto geschlossen, es lag in der Altstadt, rund um den Rynek (Markplatz). 12500 jüdische Menschen waren gefangen. Wegen Überfüllung und Hunger brach eine Epidemie aus, Hunderte starben. Im Juni 1942 wurden 12.000 Juden aus den umliegenden Dörfern und Städten gezwungen, in das Ghetto zu ziehen, z.B. auch aus Lańcut.
Vom 7.-13.7. 1942 führte die SS die ersten Deportationen von Rzesów/Reichshof in die Vernichtungslager durch. Während der 'Aktion' wurden 360 Menschen im Ghetto und 2000 im nahen Glogow-Wald erschossen. 14000 Frauen, Männer und Kinder wurden vom Bahnhof in Güterwagen in das Vernichtungslager Belzec bei Lublin deportiert und ermordet. Am 8.8.1942 wurden etwa 1000 Frauen und Kinder in das 'Arbeitslager' Pełkinia bei Jaroslaw gebracht und kurz darauf nach Belzec deportiert. Bei der dritten Deportation am 15.11.1942 wurden 2000 Juden aus dem Ghetto nach Belzec deportiert und dort ermordet. Während der 'Aktion' durchkämmte Krakauer SiPo unter Paul Lehmann das Ghetto nach Kindern, trennte sie von ihren Eltern und ermordete sie.
Zwangsarbeit
Der größte Betrieb, der Zwangsarbeiter in Reichshof ausbeutete, war das Unternehmen Daimler-Benz (MB), das am 1. November 1941 von der (deutschen) Henschel AG die 'Treuhänderschaft' über das Flugmotorenwerk Reichshof übernommen hatte. „Durch die Übernahme des Managements und eines Kapitalanteils der Flugmotorenwerke Ostmark GmbH, dessen Hauptwerk sich in Wiener Neudorf befand, erhielt Daimler-Benz im Jahr 1941 die faktische Kontrolle über das wohl bedeutendste Rüstungsprojekt im Bereich der Flugmotorenproduktion“ (so Birgit Weitz, a.a.O., S.169).
In Reichshof und an anderen Standorten setzte Daimler-Benz von 1941 bis zum Kriegsende u.a. KZ-Häftlinge und jüdische Zwangsarbeiter ein (a.a.O, :S. 170 ). Das änderte sich auch nicht, als das Unternehmen wegen der näherrückenden Front seine Produktionsstätten verlagern musste (vgl. Jägernotprogramm). 1944 versuchte Daimler-Benz die auch in Reichshof angesiedelte Produktion der Flugzeugmotoren vom Typ Daimler- Benz DB 605, mit dem vor allem Jagdflugzeuge des Typs Messerschmitt Bf 109 ausgestattet waren, in den unvollendeten Eisenbahntunnel von Urbès (Elsass , Frankreich) zu verlagern. Dazu wurde dort ein KZ-Außenlager eingerichtet, eine Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof (F). Am 25.8.1944 wurden dorthin 465 jüdische KZ-Häftlinge samt Maschinen aus Reichshof verlegt. Die sog. „Daimler-Benz Juden“ wurden an dem Tag wegen der näherrückenden Alliierten in das KZ Sachsenhausen nahe Berlin abtransportiert.
Andere Zwangsarbeiter*Innen aus dem Ghetto Reichshof waren bereits im September 1943 in das „Arbeitslager" Szebnie, Woiw. Karpatenvorland, verbracht worden, das die meisten nicht überlebten. Ihre Angehörigen wurden im November 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und ermordet. Nur 600 Menschen überlebten bis Juli 1944 in einem örtlichen Arbeitslager, einigen gelang die Flucht in die umliegenden Wälder.
Gedenken
Ein Erinnerungs- und Gedenkpark wurde auf einem Teil des ehemaligen Ghetto-Gebiets angelegt. In der Mitte wurde eine hohe Säule errichtet, auf der an Vorkommnisse und Verbrechen aus der Zeit der Besatzung und der Befreiung erinnert wird:
Rzeszow nach der Befreiung/nach dem Krieg (1)
Nachdem Gerüchte über die Ermordung eines christlichen Mädchens in der Stadt aufgetaucht waren, verhaftete die Polizei am 1.6.1945 sämtliche noch lebenden Juden Rzeszóws und führte sie inmitten einer wütenden Menge durch die Stadt, während gleichzeitig die Wohnungen der festgenommenen Juden geplündert wurden. Nach ihrer Freilassung noch am selben Tag flohen mehr als 200 Juden aus Rzeszów. Eine Wiederherstellung jüdischen Lebens blieb in der Stadt nach 1945 weitgehend aus.
Rzeszow heute (2)
Nach den Kriegszerstörungen ist die Stadt rasch wieder aufgebaut und modernisiert worden.
Sie wirbt u.a.für weitere Investitionen.
Rzeszow heute (3)
Seit dem russischen Krieg in der Ukraine hat sich Rzeszow – u.a. wegen der Grenznähe – zu einem wichtigen Umschlagplatz von Waffen und Kriegsgerät für die Ukraine entwickelt; die Stadt wird teilweise mit dem US-Stützpunkt Ramstein in der Pfalz verglichen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/usa-und-polen-rzeszow-das-neue-ramstein-dlf-kultur-38cf9edc-100.html.
Literatur/Medien
Böhler, Jochen: Der Überfall. Deutschlands Krieg gegen Polen, 2. Aufl., Frankfurt/M. 2009, S. 199ff. ('Misshandlungen 'und: 'Das Massaker von Przemyśl')
Gross, Jan T.: Kielce. in: Diner, Dan (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur . Band 3: He–Lu., Stuttgart/Weimar 2012, S. 345
Gutman, Israel u.a. (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust, Berlin 1993, S. 1173f.
Miron, Guy/Shulhani, Shlomit (Hg.): Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust, Göttingen/Jerusalem 2014, S. 625ff.
https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/rzeszow
zu Daimler-Benz:
Hopmann, Barbara u.a.: Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, Stuttgart 1994, S. 356ff. (KZ-Häftlinge); darin: Weitz, Birgit: Der Einsatz von KZ-Häftlingen und jüdischen Zwangsarbeitern bei der Daimler-Benz AG (1941–1945), S. 345ff.; zu zwangsverpflichteten und polnischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen vgl. S. 253f
http://www.deathcamps.org/occupation/rzeszow%20ghetto.htm
https://sztetl.org.pl/de/stadte/r/179-rzeszow/99-geschichte/137976-geschichte-der-gemeinde
