Przemyśl
Woiwodschaft Karpatenvorland/woiwod. Podkarpacie
Entwicklung der Stadt
Die Stadt wurde – wie das Umland - ab 1340 schrittweise für das Königreich Polen in Besitz genommen und erweitert. Sie war Teil des Handelswegs via regia, sie bekam Stadtrechte, Handwerk und Handel entwickelten sich. 1772 kam die Stadt nach der ersten polnischen Teilung an die Habsburgermonarchie. Im 19. Jahrhundert wurde sie zum Schutz vor Russland zu einer großen Festung – der größten nach Verdun (F) – ausgebaut (und 1915 zurück erobert). Mit dem Zerfall der Habsburger Monarchie begannen die slawischen/polnischen Bewohner um den polnischen Charakter der Stadt zu kämpfen, am 11.11.1918 war das Ziel – vorübergehend - erreicht.
Zweiter Weltkrieg
In den ersten September Wochen waren sowohl sowjetische als auch deutsche Truppen als „Eroberer“ in der Stadt. Hintergrund: Die allgemeine Grenzziehung im „Hitler-Stalin-Pakt“ „links des Flusses San, rechts des Flusses“, Przemyśl lag und liegt aber beiderseits des San. Nach Gesprächen Ende August räumten die Deutschen einen großen Teil der Stadt.
Erste NS-deutsche 'Besatzung' 15. - 28.9.1939
Polnische Jüdinnen/Juden waren vom ersten Tag an Ziel von Misshandlungen und Demütigungen, sie galten „als Freiwild“. Deutsche Soldaten begannen bei ihrem Einmarsch am 15.9.1939, Juden zu erniedrigen, zu misshandeln und zu ermorden. In weniger als zwei Wochen töteten sie mehrere Hundert Juden und brannten zahlreiche Synagogen sowie Häuser nieder- sog. 'Blitzpogrome“.
„Diese Soldaten, die immer wieder Wohnungen von Juden überfielen, wollten sich bereichern. Doch sollte man ein anderes Motiv nicht unterschätzen. Sie taten etwas, was ihnen augenscheinlich Freude bereitete. Zu dieser Vergnügungssucht kam oft jene Neigung zum Sadismus hinzu, die sie in der Heimat verbergen und die sie im feindlichen Polen ….... nicht zu unterdrücken brauchten.......Anders als am Rhein oder Main konnten sie endlich tun, wovon sie schon immer träumten: 'die Sau rauslassen' “, notierte Marcel Reich-Ranicki anhand ähnlicher Vorfälle in Warschau.“
„Massaker in Przemyśl“, September 1939
Im Spätsommer bezogen Wehrmachtseinheiten in Przemyśl Quartier, u.a. die Einsatzgruppe von Woyrsch und das Einsatzkommando 3/I unter Alfred Hasselberg. Vom 16. bis 19.9.1939 führten sie Massenverhaftungen und Erschießungen von jüdischen Männern durch. Sie wurden zu Fuß oder mit LKW an verschiedene Orte außerhalb der Stadt gebracht und erschosssen. Sicher ist, dass Hunderte erschossen worden, manche Quellen sprechen von 500 bis 800 Opfern. Das Totenbuch der jüdischen Gemeinde Przemysl enthält 103 Namen.
Ihre Namen werden auf dem Memorial auf dem Neuen Jüdischen Friedhof von Przemysl genannt.
Das Massaker von Przemyśl wurde in keinem offiziellem Wehrmachtsbericht festgehalten, weil offenkundig war, dass deutsche Truppen in nicht geringem Maß darin involviert waren.
Die SS-Einsatzgruppe von Woyrsch wurde am 22.9.1939 in das oberschlesische Industriegebiet zurückbeordert. Generaloberst Wilhelm List (https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_List), der diese Maßnahme durchgesetzt hatte, schob der um sich greifenden Kritik von Soldaten und Wehrmachtsoffizieren (u.a. Canaris) am Vorgehen der SS einen Riegel vor: sie habe (zwar) „mit rücksichtloser Hand durchgegriffen, aber ihre Aufgaben im Wesentlichen gelöst.“
Sowjetische Besatzung 15.9.1939 - 28.6.1941
Wie zwischen Deutschen und Sowjets vereinbart, kam die Stadt am 28.9.1939 unter Kontrolle der Sowjets. Sie lösten jüdische Parteien auf und stellten Gemeindeeinrichtungen unter Aufsicht. Die Privatwirtschaft wurde fast ganz abgeschafft, große Fabriken verstaatlicht. Die meisten Handwerker organisierte man in Kooperativen. Einige prominente jüdische Aktivisten wurden in entfernte Gegenden der Sowjetunion verbannt. Unterrichtsprache in jüdischen Schulen war jetzt Jiddisch. Die Synagogen blieben geöffnet, sie wurden zusätzlich als Selbsthilfezentren für die Bedürftigen der Stadt und für tausende Flüchtlinge, die in die Stadt strömten.
Im April/Mai 1940 wurden etwa 7000 Juden, vor allem Flüchtlinge aus den westpolnischen Gebieten um Poznan/Posen, in die Sowjetunion verbannt. Einige hundert Juden verließen die Stadt zusammen mit den abziehenden Sowjets. Nur wenige kamen bis ins Landesinere. Die meisten fielen der vorrückenden Wehrmacht in die Hände.
Zweite Deutsche Besatzung ab 27.6.1941
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 27.6.1941 wurde das südostpolnische Gebiet Galizien und damit auch Przemysl - von der Wehrmacht besetzt und als 'Distrikt Galizien' Teil des Generalgouvernements Polen.
Mitte des 19. Jahrhunderts waren etwa 40 % der Bevölkerung jüdisch, in den frühen 1930er Jahren lebten etwa 17.300 jüdische Menschen in Przemyśl.
Ghetto Przemyśl
Am 14.7.1942 gaben die Besatzer die Errichtung eines Ghettos bekannt– im Stadtteil Gabarze, nördlich des Bahnhofs - und grenzten es am gleichen Tag ab. Etwa 20.000 bis 24.000 jüdische Männer, Frauen, Kinder und Greise mussten in das Ghetto „umziehen“ und dort „wohnen“. Kommandant des Ghettos von Januar 1942 bis Februar 1944 war Josef Schwammberger.
Für den 26. Juli war die erste Deportation von 6.500 Juden in das Vernichtungslager Belzec geplant, die SS traf entsprechende Vorbereitungen. Am Tag vorher baten einige bei der Wehrmacht arbeitsverpflichtete Juden Albert Blattel, den Adjudanten des deutschen Militärkommandanten, sie und ihre Familien zu schützen. Er konnte erreichen, dass sein Vorgesetzter, Major Max Liedtke, der Militärkommandant von Przemyśl, dies für die bei der Wehrmacht eingesetzten Juden zusagte.
Major Max Liedtke ließ den Zugang zur San-Brücke und damit zum Ghetto sperren. Als ein SS-Kommando versuchte, auf die andere Seite zu gelangen, drohte Blattel damit, das Feuer zu eröffnen. Später fuhr eine Armeeeabteilung unter Blattel in das – abgesperrte – Ghetto und nutzte Armeelastwagen, um Juden in die Kaserne zubringen, unter den Schutz der Wehrmacht zu stellen und so vor der Deportation zu retten. Es gab eine gründliche Untersuchung durch die SS – aber keine Sanktionen; die Deportationen wurden in den folgenden Tagen fortgesetzt. Näheres vgl. Kurzbiogaphien Albert Blattel. und Max Liedtke sowie Literaturhinweise.
Über die Deportationen und Morde informiert eine Gedenktafel am Schulgebäude (damals Sitz des Judenrats, Nähe Bahnhof) in der ul. Mikołaja Kopernika 14:
„Am 16. Juli 1942 errichtete der Nazi-Eindringling ein eingezäuntes und bewachtes Ghetto für Juden. Die Nazis sperrten 17428 jüdische Einwohner von Przemysl und etwa 9000 aus den umliegenden Gemeinden in das Ghetto.Die Fläche wurde zweimal verkleinert, nachdem die Zahl durch Deportationen und Morde reduziert worden war.
Hinter den Mauern dieses Gebäudes wurden 1580 jüdische Bürger massakriert. Ende November 1942 wurde das Ghetto zum letzten Mal verkleinert. Das Ghetto wurde schließlich Ende 1943 liquidiert – nach der Deportation der letzten Juden in die Todeslager.“
Am 31.7. und 3.8.1942 verließen Transporte mit jeweils 3.000 jüdischen Menschen das Ghetto in Richtung Vernichtungslager Belzec; die Juden mussten die Transportkosten zahlen. die verbleibenden Juden mussten den größten Teil ihres Geldes der Gestapo übergeben.
Im November begannen die Juden, Verstecke für sich zu bauen. Die Gestapo ordnete an, Juden ohne Arbeitspapiere zu deportieren – dem Judenrat übergab sie nur 5000 Arbeitspapiere. Am 18.11.1942 sollten 8000 Juden deportiert werden – am Sammelpunkt fanden sich nur 3.500 ein – der Rest versteckte sich. Die Gestapo fand bei einer Suche 500; sie wurden mit den übrigen 3.500 in das Vernichtungslager Belzec deportiert und ermordet.
Die Besatzer unterteilten das Ghetto in Teil A (für Arbeitseinsätze gebrauchte Juden) und Teil B für Juden, die die Gestapo für arbeitsuntauglich hielt.
Auflösung des Ghettos
Bis Ende 1943 wurde das Ghetto aufgelöst. Am 23.9. wurden 3.500 Juden nach Auschwitz deportiert, teilweise über das „Arbeitslager“ Szebnie. Als die Gestapo versprach, 'Freiwillige' in ein Arbeitslager abzuschieben, meldeten sich 1580 Juden. Sie mussten ihre Wertsachen und Kleidung abgeben, anschließend wurden sie am 11.9. in Gruppen zu 50 im Hof des Judenrats erschossen – 200 m vom Stadtzentrum.
Die Gestapo spürte 1000 versteckte Juden auf und erschoss sie am Stadtrand. Die letzten 1500 Juden des Ghettos wurden Ende Februar 1944 über Stalowa Wola (Südpolen) in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Mehrere tausend Juden ermordete die SS noch vor Ort.
Im Sommer 1943 erschossen SS-Einheiten hunderte Frauen, Kinder und Alte in einem nahegelegenen Wald; am 11. September 1943 weitere 1.500 Juden auf dem Hinterhof einer Schule mitten im Stadtgebiet. Im Februar 1944 wurde das Ghetto endgültig aufgelöst. Nur etwa 300 Juden aus Przemyśl überlebten den Krieg in einem Versteck.
Adressen und Fotos von Jüdischen Friedhöfen in Przemyśl
(a) alter jüdischer Friedhof Przemyśl
Przemysl old Jewish Cemetery, 49.7800211, 22.7750323
ul. Biskupa Józefa Sebastiana Pelczara 11, 37-700 Przemyśl, Polen
b) neuer jüdischer Friedhof Przemyśl
Neuer Friedhof/ nowy cmentarz jydowski, 49.769942, 22.784699
ul. Julisza Slowackiego; gps 49.770000, 22.78388949
Literatur/Medien
Böhler, Jochen: Der Überfall. Deutschlands. Krieg gegen Polen, 2. Aufl., Frankfurt/M. 2009, S. 199ff. (Das Massaker von Przemyśl)
Gutman, Israel u.a. (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust, Berlin 1993, S. 1173f.
Mallmann, Klaus-Michael/Böhler, Jochen/Matthäus, Jürgen (Hg.): Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation, Darmstadt 2008.
Miron, Guy/Shulhani, Shlomit (Hg.): Yad Vashem Enzyklopädie der Ghettos während des Holocaust, Göttingen/Jerusalem 2014, S. 625ff.
Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben, München 1999, S.:199
Wette, Wolfram: Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Frankfurt/M. 2002, S. 181ff.
https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/denkmaler-fur-die-opfer-des-ghettos-przemy%C5%9Bl
http://www.deathcamps.org/occupation/przemysl%20ghetto.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Przemy%C5%9Bl
