Abraham Sutzkever

Sutzkever wurde am 15. Juli 1913 im damals litauischen und heute weißrussischen Smorgon geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters ließ sich die Mutter mit den Kindern 1920 in Vilnius nieder, wo er erst eine Talmudschule und später ein hebräisch-polnisches Gymnasium besuchte. Als Sutzkever zwölf Jahre alt war, starb die hochbegabte ältere Schwester, die – wie er – eine starke poetische Begabung hatte. Drei Jahre später lernte er Freydke kennen, die seine lebenslange Gefährtin wurde.

Sutzkever studierte am YIVO bei dem bedeutenden Jiddisten Max Weinreich, der nach 1940 das Institut in New York neu aufbaute, wo es noch heute seinen Sitz hat. Seit den frühen 1930er Jahren gehörte Sutzkever der avantgardistischen Schriftsteller- und Künstlergruppe „Jung Wilne“ an. 1932 veröffentlichte er erste Gedichte, drei Jahre später erschien sein erstes Buch Lider.

Er wurde am 6. September 1941 zusammen mit seiner Frau, seinem wenige Wochen alten Sohn und seiner Mutter in das Ghetto von Vilnius gesperrt. Wenige Wochen später wurden seine Mutter und sein Sohn während einer kurzen Abwesenheit Sutzkevers aus der Wohnung geholt und ermordet. Im Ghetto selbst war Sutzkever mit anderen Künstlern wesentlich am Aufbau des spirituellen, geistig-kulturellen Widerstandes beteiligt, um das Bewusstsein von Würde und Selbstachtung unter den Ghetto-Bewohnern lebendig zu erhalten; kulturelle Gruppen entstanden, Veranstaltungen und Theateraufführungen fanden statt, er selbst schrieb weiter Gedichte. Kaczerginski und Sutzkever, beide Schriftsteller und aktive Mitglieder der FPO, gründeten im Ghetto die „Papier-Brigade“, eine Truppe, die zur Zwangsarbeit im YIVO Gebäude eingesetzt war. Dort wurden die im Auftrag des Rosenberg Stabs geraubten jüdischen Bücher, Kunst- und Kultgegenstände gesammelt. Aufgabe der „Papierbrigade“ war es, von dort Abraham Sutzkever und Samuel Bak 1943 (Bak)das unersetzliche Material und Dokumente heimlich ins Ghetto zu schmuggeln und zu verstecken. Sutzkever und Kaczerginski förderten den damals neunjährigen Samuel Bak, dessen Talent sie erkannt hatten und der nach der Befreiung ein berühmter Maler werden sollte.

Kurz vor der Ghetto-Liquidierung 1943 gelang Abraham und Freydke Sutzkever die Flucht aus dem Ghetto zu den sowjetischen Partisanen in den Narocz-Wäldern. Texte Sutzkevers gelangten von dort nach Moskau und Ilja Ehrenburg veranlasste, dass die beiden nach Moskau ausgeflogen wurden. Dort begann Sutzkever mit der Niederschrift seines Berichts über die Ermordung der Juden: Wilner Geto 1941–1944 wurde 1946 in zensierter Form in Moskau und, etwas korrigiert, im selben Jahr in Paris veröffentlicht – erst 2009 wurde die lange überfällige deutsche Übersetzung im schweizer Ammann-Verlag publiziert. 1946 wurde Sutzkever vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg als Zeuge für die in Vilnius begangenen Verbrechen an den Juden vernommen.

Abraham Sutzkever emigrierte 1947 mit seiner Frau nach Palästina/Israel und wurde mit zahlreichen Veröffentlichungen und der Zeitschrift „di goldene kejt“ (Die goldene Kette) zum großen Repräsentanten und Bewahrer der jiddischen Sprache. Das Thema seiner Gedichte und Prosa-Veröffentlichungen blieb bis zu seinem Lebensende die Shoah. Er starb am 19. Januar 2010 in Tel Aviv.

Literatur / Medien
Bak, Samuel: In Worte gemalt: Bildnis einer verlorenen Zeit, Weinheim u.a. 2007, S. 30ff. (Foto o.S.); Enzyklopädie des Holocaust, hsg. von Jäckel / Longerich / Schoeps, Bd. 3, 1995, S. 1383ff.; Heuer, Renate (Hg.): Abraham Sutzkever: Geh über Wörter wie über ein Minenfeld. Lyrik und Prosa (= Campus Judaica, Bd. 25), Frankfurt/M. 2009; Kostanian-Danzig, Rachel: Spiritual Resistance in the Vilna Ghetto, Vilnius 2002; Sutzkever, Abraham: Wilner Ghetto 1941–1944. Übersetzt und mit einem Nachwort von Hubert Witt, Zürich 2009; Ders.: Gesänge vom Meer des Todes, Zürich 2009; Ders.: Griner akwarium – Grünes Aquarium, Frankfurt 1996

http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Sutzkever_Avrom
https://www.welt.de/kultur/article4221134/In-Ponar-erfanden-Holocaust-Leugner-ihre-Luegen.html
http://www.planetlyrik.de/abraham-sutzkever-gesaenge-vom-meer-des-todes/2015/07/
http://www.zeit.de/1993/03/worauf-es-ankommt
http://jewishpartisans.blogspot.de/2012/02/partisans-in-arts-abraham-sutzkever.html
http://holocaustmusic.ort.org/places/ghettos/vilna/sutzkeveravraham/ (Foto)

Sutzkever selbst über das Ghetto Vilna: https://www.youtube.com/watch?v=kofcyfycOFE
Int. Militärgerichtshof Nürnberg: https://www.youtube.com/watch?v=rY4GnquFCmE