Vita Kempner, 1930er Jahre (Cohen)Vitka Kempner wurde am 14. März 1920 in Kalisz, einer Stadt in Westpolen nahe der deutschen Grenze, geboren. Nach der Schule ging sie nach Warschau, um am Institut für Jüdische Studien zu studieren. Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen 1939 floh Vitka nach Vilnius und schloss sich dort der links-zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair an, die in den Untergrund gehen musste, nachdem sie – wie alle jüdischen Organisationen – von den Sowjets 1940 verboten worden war. 1941, unmittelbar nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht und dem Beginn der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, beteiligte sich Vitka an den Widerstandsaktionen innerhalb und außerhalb des von den Deutschen im September 1941 errichteten Ghettos. Mit falschen Papieren und blond gefärbten Haaren lebte sie eine zeitlang als polnische Christin getarnt außerhalb des Ghettos. Sie besorgte Verstecke, schmuggelte Waffen in das Ghetto und verübte als Mitglied der im Januar 1942 gegründeten Fareynegten Partizaner Organizatsye (FPO) den ersten Sabotageakt auf einen Wehrmachtszug, der Waffen an die Ostfront transportierte. In Anerkennung dieser kühnen Tat widmete Hirsh Glik ihr sein Lied Shtil, di nakht iz oysgeshternt. Nach dem vergeblichen bewaffneten Aufstand innerhalb des Ghettos beschloss die FPO unter Abba Kovner, dem Nachfolger Yitzak Witenbergs, das Ghetto zu verlassen und den Kampf als Partisanen in den Wäldern weiterzuführen. Mehrere hundert Mitglieder wurden bis zur Auflösung des Ghettos am 23. September 1943 aus dem Ghetto geschleust, die Mitglieder der letzten Gruppe, darunter Abba Kovner und Rozka Korczak, verließen durch die Kanalisation das Ghetto, wo sie von Sonia Madeysker und Vitka Kempner in vorbereitete Verstecke in den Lagern Kailis und HKP gebracht wurden und von dort in die Rudniki Wälder fliehen konnten.

Rozka Korczak (l), Abba Kovner und Vita Kempner (1944)Unter dem Kommando von Abba Kovner vereinigten sich die FPO-Kämpfer zur jüdischen Partisaneneinheit „The Avengers“, die Sabotageaktionen weiter fortführten. Kempner, als Kommandantin einer Aufklärungseinheit, war im Juli 1944 beim Kampf der Roten Armee um die Befreiung der Stadt Vilnius dabei und bekam nach dem Krieg die Tapferkeitsmedaille der Sowjetunion verliehen.
Mit Kovner und Rozka Korczak leitete Vitka Kempner die illegale Fluchtorganisation „Bricha“ von Überlebenden des Holocaust nach Palästina, wo sie und Kovner 1946 im Kibbuz Ein Hahoresh heirateten und eine Familie gründeten. Nachdem sie sich dem Aufbau des jüdischen Palästina widmete, begann Kempner im Alter von 45 Jahren, klinische Psychologie an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv zu studieren. Sie arbeitete danach als Psychologin und setzte sich für die schulische Ausbildung von Kindern in den Kibbuzim ein. Vitka starb im Februar 2012, über zwanzig Jahre nach dem Tod von Abba Kovner und Rozka Korczak, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband.


Literatur / Medien
Ainsztein, Reuben: Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993, S. 24ff.; Barzel, Neima: Vitka Kempner-Kovner. Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia, March 2009. Jewish Women‘s Archive (https://jwa.org/encyclopedia/article/Kempner-Kovner-Vitka); Cohen, Rich: Nachtmarsch. Eine wahre Geschichte von Liebe und Vergeltung, Frankfurt/M. 2000 (Foto S. 21); Levin, Dov: Fighting Back: Lithuanian Jewry‘s Armed Resistance to the Nazis, 1941–1945, New York 1985; Porat, Dina: The Fall of a Sparrow. The Life and Times of Abba Kovner, Stanford 2010
 
http://www.jewishpartisans.org
https://www.youtube.com/watch?v=xVwOLx2eBz4
https://www.youtube.com/watch?v=_9R8qfHwubI
http://jewishpartisans.blogspot.de/search/label/Yitzhak%20Wittenberg (Foto Partisanen)
http://www.osa.fu-berlin.de/judaistik/beispielaufgaben/03_juedischer_widerstand/index.html (sehr gute Aufnahme von Nizza Thobi des Liedes Shtil)
http://www.deutschlandfunkkultur.de/juedischer-widerstand-das-mutige-maedchen.