Herman KrukHerman Kruk, am 19. Mai 1897 in Płock (Polen) geboren und im September 1944 im Außenlager Lagedi des in Estland gelegenen KZ Vaivara ermordet (Deportationen 1943/1944), hat der Nachwelt das gerettete Manuskript einer Chronik des Ghettos von Vilnius hinterlassen. In seiner Jugend war Kruk in der polnischen kommunistischen Bewegung aktiv, schloss sich jedoch nach der Oktoberrevolution (1917) den Bundisten an und wurde in der sog. Zwischenkriegszeit zum persönlichen Zentrum und Organisator gewerkschaftlicher Kultur- und Bildungsarbeit in Warschau. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs floh er aus dem inzwischen deutschbesetzten Warschau nach Vilnius, wo er nach dem Einmarsch der Deutschen im Juni 1941 mit zehntausenden Juden im September zum Ghetto-Häftling wurde. Im Ghetto war er Vorsitzender der an der jüdischen Widerstandsorganisation FPO beteiligten Bund-Gruppe. Er baute auf der Grundlage einer traditionsreichen jüdischen Bibliothek die Ghetto-Bibliothek auf, die zu einem Kultur- und Informationszentrum im Ghetto wurde. Da die Mitarbeiter der Bibliothek sich auch während der Sperrstunden frei im Ghetto bewegen durften, konnten diese ihre Aktionen besser vorbereiten. Zudem konnten sich im tief gelegenen Keller des Hauses die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen an der Waffe ausbilden lassen. Herman Kruk war mit anderen jüdischen Intellektuellen wie Abraham Sutzkever   und Shmerke Kaczerginski als Mitglied der „Papier-Brigade“ an der Rettung einmaliger jiddischer Manuskripte und Literatur aus den Beständen des YIVO beteiligt, indem diese den Auftrag des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (Litauen), jüdische Kulturgüter auszusortieren, dafür nutzte, zahlreiche Bestände dieser Kultureinrichtung zu verstecken und  zu retten, weil sie nach 1944 von Überlebenden aufgefunden werden konnten. Herman Kruk wurde vermutlich am 23. September 1943 nach Estland in das KZ Klooga deportiert, von dort am 22. August 1944 in das Außenlager Lagedi, das am 18. September 1944 aufgelöst wurde: alle Gefangenen wurden erschossen, nur wenige Tage vor der Befreiung durch die Rote Armee.

Für die Geschichtsschreibung und die Kenntnis des persönlich erfahrenen Holocaust in Litauen ist das von Herman Kruk in Jiddisch verfasste, von 1939 bis 1944 reichende Tagebuch The last Days of the Jerusalem of Lithuania – Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944 von unschätzbarem Wert. Von den ursprünglich 757 Seiten wurden 510 gefunden, (die meisten von Sutzkever im zerstörten Ghetto), gerettet und erreichten schließlich das YIVO in New York. 1961 erschien eine jiddische Publikation des Manuskripts. Seit 2002 liegt eine von Barbara und Benjamin Harshaw ins Englische übersetzte, überarbeitete und ergänzte Fassung des Tagebuchs vor. Dort sind später gefundene Aufzeichnungen Kruks aus der KZ-Zeit in Estland integriert. Die Chronik Herman Kruks mit ihren täglichen, manchmal stündlichen Aufzeichnungen, stellt „die umfassendste Quelle über den Kampf und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Wilnas“ dar (Schroeter 2008).


Literatur / Medien
Arad, Yitzhak: Ghetto in Flames. The Struggle and Destruction of the Jews in Vilna in the Holocaust, New York 1982; Kostanian-Danzig, Rachel: Spiritual Resistance in the Vilna Ghetto, Vilnius 2002, S. 54ff.; Kruk, Herman: The Last Days of the Jerusalem of Lithuania. Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944, hrsg. von Benjamin Harshav, New Haven u. London 2002; Margolis, Rachel: Vorwort zu: Die geheimen Notizen des K. Sakowicz: Dokumente zur Judenvernichtung in Ponary 1941–1943, hrsg. von Rachel Margolis und Jim Tobias, Frankfurt/M. 2005, S. 14 FN9; Schroeter, Gudrun: Worte aus einer zerstörten Welt. Das Ghetto in Wilna, St. Ingbert 2008, S. 288ff. (Zitat S. 39–49)

https://de.wikipedia.org/wiki/Herman_Kruk
http://www.eilatgordinlevitan.com/vilna/vilna_pages/vilna_stories_kruk.html (Foto)
http://www.juden-in-europa.de/baltikum/vilna/biographien.htm

http://2000/04/09/dina-abramowicz-90-librarian-and-yiddish-expert-dies.html (Dina Abramowicz, Überlebende, arbeitete in der Ghetto-Bibliothek mit Kruk und leitete später jahrzehntelang das YIVO)